Kollision mit Tanker: War norwegische Fregatte unsichtbar?

Norwegen. Das Manöver Trident Juncture endete für die norwegische Marine mit dem Verlust einer Fregatte. Das Schiff kollidierte auf dem Rückweg von der Übung nachts mit einem Tanker und wurde ans Ufer geschleppt, um nicht zu sinken. Inzwischen sind sogar Laut- und Radaraufzeichnungen des Vorfalls veröffentlicht – die ausweichpflichtige Fregatte hatte trotz Warnungen nicht abgedreht.

Schäden Fregatte

Schäden an der Fregatte KNM Helge Ingstad. Foto: Kystverket/Forsvaret

Die Kollision fand am frühen Donnerstagmorgen um kurz nach 4 Uhr im Hjeltefjorden vor der Gemeinde  Øygarden nördlich von Bergen statt. An Bord der Fregatte KNM Helge Ingstad  waren 137 Personen. Gemeldet wurden acht leicht Verletzte. Dass alles durchaus hätte schlimmer ausgehen können, zeigen die Schilderungen von Bord, die gestern bekannt wurden. Denn der Tanker hatte bei der Kollision den Rumpf der Fregatte aufgerissen, unter anderem dort, wo die Kabinen der einfachen Besatzungsmitglieder lagen. Zumindest in einem Fall soll es nur um zehn Zentimeter Abstand zwischen Leben und Tod gegangen sein – die halbe Kabine sei zerquetscht gewesen. Wasser und Treibstoff seien eingeströmt, lose Kabel hätten herumgehangen.

Der 250 Meter lange Tanker Sola TS hatte nur kleine Schäden – zum Glück: Er hatte gerade erst frisch geladen und 625 000 Fass (99, 4 Millionen Liter)  Rohöl  an Bord. NRK rekonstruierte den Verlauf anhand der öffentlich zugänglichen Daten von Marine Traffic. Darauf sind alle Schiffe zu sehen, die ihr automatisches Identifikationssystem (AIS) angeschaltet haben – alle größeren zivilen Schiffe sind dazu verpflichtet.

Fregatte hatte AIS abgeschaltet

Die Daten zeigen, wie die Sola TS vom Terminal ablegt und Fahrt aufnimmt. Der Tanker hatte noch einen Schlepper bei sich und einen Lotsen an Bord. Auch zwei weitere Schiffe mit demselben Kurs und ein entgegenkommendes Schiff sind zu sehen. Erst mit der Kollision erscheint auch die Fregatte als „Nato Warship F313“ bei Marine Traffic. Es ist offenbar nicht unüblich, dass die Marine das AIS abschaltet. Für die anderen Schiffe und damit auch für den Tanker und den Schlepper war die Fregatte auf diesem Wege aber nicht sichtbar.

Luftbild Fregatte

Damit sie nicht komplett sinkt, wurde die Fregatte ans flache Ufer geschleppt. Foto Kystverket

Eine Fregatte wie die 134 Meter lange KNM Helge Ingstad ist so gebaut, dass sie auch auf dem Radar schwer zu „enttarnen“ ist. Gegenüber NRK sagten mehrere Besetzungsmitglieder anderer Schiffe in der Nähe, die Fregatte sei auf dem Radar nicht zu identifizieren gewesen – nur als „Schatten“. Das Gebiet ist allerdings stark befahren und wird von einer Verkehrszentrale überwacht.  Die Fregatte war vor der Kollision  per Funk gewarnt worden – das meldete zuerst aldrimer.no. VG hat inzwischen die Laut- und Radaraufzeichnungen veröffentlicht. Darin ist deutlich zu hören, wie die ausweichpflichtige  „Helge Ingstad“ vom Tanker selbst mehrfach aufgefordert wird, den Kurs zu ändern. Zu sehen ist die Fregatte als nicht identifiziertes Objekt, dass sich schnell vorwärts bewegt.  Warum ein wendiges, starkes Schiff wie die KNM Helge Ingstad dem gut sichtbaren Tanker im Schleppverband nicht auswich, darüber wird in Norwegen gerätselt. Laut NATO war das Schiff zu Navigationstraining im Fjord.  Die norwegische Havariekommission untersucht den Fall.

Als Folge der Kollision und der Arbeit an dem Wrack in der Nähe des Ölterminals wurde der Terminal zeitweise geschlossen und auch die Förderung auf den damit verbundenen Ölfeldern zeitweise eingestellt, meldet der Ölkonzern Equinor. Aus der havarierten Fregatte lief Treibstoff aus, darum kümmert sich nun der Küstenschutz ( Kystverket), um die Bergung des Schiffes die Marine (Sjøforsvaret) selbst. Die KNM Helge Ingstad ist eine von fünf norwegischen Fregatten, ihr ehemaliger Wert wird auf umgerechnet rund 420 Millionen Euro geschätzt. (letztes Update 11.11.)

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Ein Kommentar zu Kollision mit Tanker: War norwegische Fregatte unsichtbar?

  1. Blue Max sagt:

    Schon bedauerlich, daß die Schiffbauingenieure seit über 100 Jahren nichts dazugelernt haben.
    Es ist doch eigentlich für jeden mit einem Minimum an Verstand einleuchtend, daß ein Schiff nur mit Queschotten aber ohne Längsschotten nur sehr selten zu retten ist. Siehe Titanic, Costa Concordia und wer weiß wieviele andere Schiffe in den letzten 106 Jahren noch. Eine Schiffskollision erfolgt in den aller seltensten Fällen im 90 Grad oder sonstigem stumpfen Winkel. Fast immer erfolgt eine Kollision im spitzen Winkel wobei dann logischerweise der Rumpf der Länge nach aufgerissen wird. Aber nein, warum sollte man bei der Konstruktion großer Schiffe auch genauso vorgehen wie bei Schlauchbooten? (Längskanmern statt Querkammern. Es ist ja sinnvoller und einfacher 500 Mio. komplett und schnell zu versenken statt beim Bau 10 oder 15 % Mehrkosten für Längskammern aufzuwenden. Es darf wohl nicht sein, dass ein Schiff „nur“ Schlagseite bekommt und somit zu retten ist. Es zahlt ja am Ende sowieso nicht die Marine sondern der blöde und gemeine Steuerzahler. Das ist ja der dümmste Spruch, das Bergungsunternehmen welches die Costa Concordia geborgen hat, wäre der Marine zu teuer. Die Marine, egal in welchem Land, erwirtschaftet niemals eigenes Geld. Sie wird grundsätzlich immer vom Steuerzahler finanziert!

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