Nordwinter im Selbstversuch: Kurze Tage, klirrende Kälte

Nordschweden gönnt einem im tiefsten Winter nicht viel Tageslicht, dafür zweistellige Minusgrade. Und viele unvergessliche Eindrücke.

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Polarlicht

Polarlicht, Januar, bei minus 24 Grad.

Es sind minus 24 Grad und es ist zehn Uhr abends. Meine Mitbewohnerin Federica und ich stehen auf einer kleinen Brücke über einem zugefrorenen Fluss und starren nach Norden. Da tut sich doch was! Jawohl, der helle Streifen leuchtet immer intensiver. Ich fische die Kamera unter meiner Jacke hervor und befestige sie auf dem Stativ. Über dem dunklen Wald bildet sich eine Form am Himmel, sieht aus wie ein Tornado. Wir hüpfen auf und ab, um uns warm zu halten. Aber hier draußen sieht man Polarlichter einfach besser, weil weniger künstliches Licht stört.

Für Einheimische wäre das kein Grund, vor die Tür zu gehen. Sie haben das schon hundert Mal gesehen, wahrscheinlich besser, und das nächste Mal kommt bestimmt unter bequemeren Umständen. Aber für mich ist es noch neu und spannend, so häufig kommt es auch nicht vor, und Federica zieht zurück nach Italien: Für sie wird es so schnell kein nächstes Mal geben.

Von Kiel nach Luleå

Vor vier Monaten habe ich meine Existenz in Kiel gegen eine zeitweilige in Luleå, Nordschweden, eingetauscht. Das liegt am nördlichen Ende der Ostsee und noch rund 100 Kilometer südlich des Polarkreises. Ich war schon vorher in der Region, zu verschiedenen Jahreszeiten. Das war interessant und hat letztlich dazu geführt, dass ich meine Seite polarkreisportal.de aufgebaut habe. Aber ich war immer nur Gast für kurze Zeit. Ich wollte, wenigstens für ein Jahr, das volle Programm, inklusive Dunkelheit. Ausnahmsweise passte gerade alles. Und so wohne ich als 50-Jährige wieder in einer WG und habe in den ersten vier Monaten schon viel gelernt.

November Luleälv

27. November 13.47 Uhr

Als ich Anfang Oktober in Luleå ankam, waren die Tage noch nicht merklich kürzer als in Deutschland. Doch die Sonne kam nicht mehr sehr hoch, und das schräge Licht erinnerte bald an Kiel im tiefsten Winter. Während Freunde aus der Heimat noch Bilder von auffallend grünen Bäumen schickten, hing hier bald kein Blatt mehr und es legte sich die erste Eisschicht auf ruhige Gewässer. Als der Herbst Schleswig-Holstein endgültig einholte, glitt ich schon auf Schlittschuhen über das blanke Eis in einer geschützten Bucht. Solange das Tageslicht eben reichte. Ende November geht die Sonne schon um 13.30 Uhr unter.

Das Licht und die innere Uhr

Ich merkte, wie sehr meine innere Uhr doch ans Licht gebunden ist: Wenn es dunkel wird, schleicht sich automatisch das Gefühl ein, dass der Tag nun eigentlich gelaufen ist und man es ruhiger angehen lassen darf. Dabei haben die meisten Menschen noch einige Stunden vor sich, bevor sie Feierabend machen dürfen, wo es dann natürlich finster ist. Kein Wunder, dass sie manchmal genervt sind.

Tiefe Sonne

15.Dezember, 11. 40 Uhr

Als zur Adventszeit in allen Häusern der Lichterschmuck erschien, genoss ich dies mehr als sonst – das braucht man hier einfach. Am 13. Dezember feiern Schweden auch noch Lucia, das Lichterfest. Da ist es dann nicht mehr lange hin bis zur Wintersonnwende, wo die Sonne in Luleå nur noch für drei Stunden ein kleines Stück über den Horizont kommt und schon kurz nach 13 Uhr verschwindet. Jenseits des Polarkreises sieht man sie zu der Zeit gar nicht mehr. Komplett dunkel ist es aber nur in Orten, die so nördlich liegen wie Spitzbergen. Die Rückkehr des Sonne wird dort besonders gefeiert.

Kurz, aber schön

Das kurze Tageslicht ist dafür aber besonders schön: Die flache Bahn der Sonne verhilft uns zu langen, farbenprächtigen Sonnenaufgängen, die in der dunkelsten Zeit dann eben bald in einen Sonnenuntergang münden, der genauso lang und farbenprächtig ist. Leute, die immer hier leben, nehmen dies als selbstverständlich hin. Ich kann mich nicht daran sattsehen, wie an den Polarlichtern.

Sonnenaufgang

22. Januar, 8. 49 Uhr, Südosten

Da ich in der privilegierten Lage bin, als freie Journalistin meine Zeit fast immer frei einteilen zu können, entscheide ich mich für einen den Verhältnissen besser angepassten Tagesrhythmus: Ist das Wetter passend, geht es erst nach draußen. Für Vitamin D reicht die Sonne nicht mehr, aber es ist gut für die Psyche, für das körperliche Wohlbefinden und für mein Bildarchiv. Am Computer sitzen kann ich auch, wenn es draußen dunkel ist. Längere Fahrten in die Region gebe ich allerdings auf, weil es sich einfach nicht lohnt – nach Stunden auf einer Eispiste muss man erst mal bis zum nächsten Tag warten, bis man etwas sieht von dem Ort, an dem man angekommen ist.

Schnee und Eis

Was die Stimmung außerdem aufhellt, ist der Schnee. Er hat mein Wohnviertel in ein Märchenbuch-Winterdorf verwandelt. Er glitzert in der Sonne und leuchtet im Dunklen.

Eis Luleå

16. Januar 13. 27 Uhr

Ich habe Leute aus Südschweden getroffen, die deshalb den Winter im Norden vorziehen. Schnee und Eis sind hier ein verlässliches Element des Jahresablaufs, sogar Teil der Infrastruktur. Erst frieren die Flüsse zu, und statt Fähren gibt es Eisstraßen. Dann friert die Küste zu, und man kann die Inseln mit dem Schneemobil erreichen, manche sogar mit dem Auto. Im Herbst stand ich noch sehnsüchtig am Ufer und ärgerte mich, dass jegliche Bootsverleihe schon dicht hatten. Jetzt steige ich auf meine Skier und ziehe über den zugefrorenen Fluss. Und im Stadtzentrum, wo das Eis des Luleälv zum Vergnügen der Bürger mit Traktoren von Schnee freigeräumt wird, kann ich Schlittschuh laufen bis zu einer Insel.

Kälte und Technik

Ich habe gelernt, mich den Temperaturen entsprechend zu kleiden und setze sogar eine Mütze auf, was ich in Deutschland nie tue. Meine technischen Geräte mögen die Kälte nicht so. Mein Handy stürzt regelmäßig ab, wenn ich es länger draußen benutzen will. Ich trage es jetzt nur noch für den Notfall möglichst nah am Körper bei mir und verzichte auf das hunderteinundfünfzigste Schneebild.

Mütze

Die Autorin mit Mütze

Meinem Auto habe ich die hier üblichen Winterreifen mit Spikes gegönnt, als Investition, die dem Überleben dient. Hilfreich wäre auch ein Motorwärmer gewesen, wie hier alle haben, dazu war ich zu geizig bei einem 20 Jahre alten Fahrzeug. Es hält sich besser als erwartet. Aber bei weniger als minus 20 Grad nehme ich lieber gleich den Bus.

Böse Zungen sagen, in Schleswig-Holstein unterschieden sich die Jahreszeiten nicht sonderlich, im Sommer sei nur der Regen wärmer. Das ist natürlich total unfair. Über den Sommer 2018 konnte man nun wirklich nicht klagen. Und im Spätwinter 2018 bin ich sogar auf einem See Schlittschuh gelaufen. Meist muss man sich allerdings ziemlich beeilen, um diese Chance zu nutzen.

Der Frühlingswinter kommt

Der Wechsel der Jahreszeiten ist hier aber definitiv dramatischer, und dazu tragen nicht nur die Temperaturen, sondern auch das Licht bei. Jetzt ist jeder Tag sieben oder acht Minuten länger als der vorherige, und das ist schon deutlich spürbar. Es nähert sich der „Frühlingswinter“, die beste Zeit für Wintersport. Nach Ostern irgendwann wird sich das Eis verabschieden. Ende Juni dann verschwindet die Sonne hier nur für eine kurze Stunde hinter dem Horizont, und es wird warm. Bei aller Liebe zum Winter – darauf freue ich mich auch schon.

Text und Bilder Andrea Seliger

Dieser Text wurde in „Schleswig Holstein am Wochenende“ am 16. Februar 2019 veröffentlicht.

Grundsätzliches zu Tageslicht am Polarkreis und zu Polarlicht siehe