Haparanda-Tornio: Vom Leben am Nordzipfel der Ostsee

Haparanda, Schweden. Tornio, Finnland. Viel weiter nördlich kann man auf der Ostsee nicht kommen. Was einen dort erwartet: Zwei Städte, zwischen denen die Grenze immer mehr verschwimmt. Wo selbst Norweger und Russen hinfahren, weil es in Haparanda einen Ikea gibt, den nördlichsten weltweit. Und wo man zwei Mal den Jahreswechsel feiern kann: zuerst nach finnischer, dann nach schwedischer Zeit.

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Grenze Schweden Finnland

Birgitta Tamminen, Päivi Koivupalo und Eleonoora Väänänen auf der Grenze zwischen Schweden und Finnland.

Wenn Päivi Koivupalo, 60, Birgitta Tamminen, 47, und Eleonoora Väänänen, 28, mit Menschen sprechen, wechseln sie mühelos zwischen Schwedisch und Finnisch hin und her, je nach Bedarf. Das ist zum einen ihr Job – Birgitta koordiniert die Zusammenarbeit zwischen den Kommunen Haparanda und Tornio, Päivi berät Privatpersonen, die von einem Land ins andere wechseln wollen, Eleonoora Unternehmen. Das gehört aber auch zum Alltag in der Grenzregion am mächtigen Torne-Fluss. 70 Prozent der Menschen auf der schwedischen Seite haben irgendeine Anknüpfung nach Finnland. Selbst der Name Haparanda kommt eigentlich vom finnischen Haaparanta – Espenstrand. Umgekehrt ist es auch für Finnen nützlich, Schwedisch zu können, wenn man beispielsweise bei Ikea arbeiten will oder lieber in Haparanda ein Haus kauft, weil man in Tornio kein passendes gefunden hat. Trost für Touristen, die weder das eine noch das andere können: Englisch sprechen sie auch alle.

Schweden und Finnland: Kooperation über die Landesgrenze hinweg

Haparanda am westlichen Ufer des Flusses ist mit knapp 10 000 Einwohnern selbst für schwedische Verhältnisse eine eher kleine Stadt. Tornio mit seiner Altstadt auf der Insel Suensaari und Außenbezirken plus Gewerbe am östlichen Ufer hat inzwischen 23 000 Einwohner, Tendenz steigend. Gemeinsam bilden sie ein regionales Zentrum mit 33 000 Menschen, und die Verbindungen untereinander sind in Jahrzehnten gewachsen. So lernten finnische Schulkinder lange in Haparanda schwimmen, das Bad in Tornio wurde erst 1992 gebaut.

Haparanda Stadshotell

Das geschichtsträchtige Haparanda Stadshotell.

Die Kläranlage auf der schwedischen Seite dient beiden Städten. Eltern können die Schule, inzwischen auch die Kita, auf beiden Seiten der Grenze frei wählen. Und schon seit 1989 gibt es die von beiden Städten betriebene „Sprachenschule“ in Haparanda, die auch Eleonoora aus Tornio besucht hat. Die Kinder erhalten einerseits Unterricht in ihrer Muttersprache, haben aber auch Fächer gemeinsam mit der anderen Sprachgruppe: „Eine tolle Sache. Man lernt nicht nur die Sprache, sondern ganz viel nebenbei. Vorurteile verschwinden“, meint Eleonoora. Ein gemeinsames Museum für die Region zu beiden Seiten des Flusses steht in Tornio. Und der finnische Edelstahlhersteller Outokumpu in Tornio, der auch Niederlassungen in Deutschland hat, ist der drittgrößte Arbeitgeber für Haparanda nach der Kommune und Ikea.

EU-Beitritt half beim Zusammenwachsen

Einkaufszentrum Tornio

Einkaufszentrum Rajalla/ På Gränsen in Tornio am Victoriaplatz.

Das Zusammenwachsen der Kommunen wurde durch den EU-Beitritt von Schweden und Finnland 1995 noch beschleunigt. Haparanda und Tornio hatten fertige Pläne für grenzüberschreitende Vorhaben und waren damals damit Pioniere. Davon profitiert der Besucher heute: Im einstigen Niemandsland zwischen den Orten, gewachsen durch die postglaziale Landhebung, wurde ein gemeinsames Reisezentrum angelegt, von dem aus Busse in jede Richtung fahren. Dort befindet sich auch die Tourist Information. Der mehr oder weniger verlandete Grenzstreifen wurde zu einem Platz gestaltet, auf dem ein länglicher Brunnen den Verlauf des Grenzflusses symbolisiert. Die schwedische Prinzessin Victoria weihte ihn persönlich ein, nach ihr ist er auch benannt. Auf der finnischen Seite entstand eine Shopping-Mall mit Kino, die „Auf der Grenze“ heißt – finnisch Rajalla, schwedisch På Gränsen.

Ingvar Kamprad setzt Haparanda auf die Einkaufs-Karte

Ikea

Der nördlichste Ikea der Welt in Haparanda.

Noch schneller war ein Akteur, der gar nicht eingeplant war. Ingvar Kamprad, der Ikea-Gründer, ließ sich vom damaligen Kommunalrat von Haparanda überzeugen, einen Ikea neben das zukünftige Reisezentrum hinzusetzen, gegen den Rat seiner Fachleute. Er rechnete damit, dass selbst Norweger und Russen dorthin fahren würden – und er behielt recht. 2006 wurde eröffnet. „Ikea ist ein starker Magnet“, meint Birgitta. Neben Ikea siedelten sich diverse Outlets an wie Iittala und Haglöfs, die schwedische Lebensmittelkette Ica erweiterte ihren Markt massiv. Und wer keine Kronen hat, kann dort auch mit Euro-Scheinen bezahlen (gilt umgekehrt auch für Tornio). Dazu muss man wissen: In Schweden und Finnland ist es ganz normal und erlaubt, dass Läden auch sonntags öffnen. Ein Tag mehr für Leute aus Tromsö oder Murmansk, sich in Haparanda mit Möbeln einzudecken. Und so kommt eine Kleinstadt wie Haparanda auf Platz drei bei der Umsatzzahl pro Einwohner in Schweden.

Die Schmuggel-Geschichte

Dass Leute zum Einkaufen nach Haparanda kommen, ist allerdings nicht neu: Päivi erinnert sich, dass sie als Kind mit ihren Eltern über die Grenze fuhr, weil es in Schweden Waren gab, die man in Nordfinnland damals nicht so einfach bekam – Elektronik zum Beispiel. Dafür wäre dann eigentlich Zoll fällig gewesen, den man sich aber gerne sparte: „Wir haben geschmuggelt“, verrät sie – die neue Kamera unter Bananen versteckt, beispielsweise. Heute guckt dank der EU-Zollunion niemand mehr in die Taschen der Menschen, die in die eine oder andere Richtung unterwegs sind – außer bei begründetem Verdacht oder (seltenen) Stichproben.

Goldgrube Snus-Handel

Snus

Der Snus-Handel in Haparanda boomt. Käufer sind nicht nur die Ortsansässigen.

Trotzdem ist nicht alles erlaubt. Es gibt durchaus Unterschiede zwischen den Ländern und einer, der in letzter Zeit Schlagzeilen gemacht hat, ist der Umgang mit „Snus“, einem Oraltabak, den sich der Nutzer normalerweise unter die Oberlippe schiebt. Die Hersteller sitzen in Schweden, und Schweden kämpfte bei der EU-Aufnahme für sie und verschaffte sich eine Ausnahmeregelung. Schweden ist das einzige Land innerhalb der EU, in dem es Snus legal zu kaufen gibt. In Finnland wurde dies mit dem EU-Beitritt verboten, man darf ihn aber noch für den persönlichen Gebrauch einführen – zurzeit ein Kilogramm pro Person am Tag. Die Regierung plant, dies auf 100 Gramm abzusenken. Schon jetzt blüht jedoch der Schmuggel, mit enormen Gewinnspannen, und erst kürzlich wurde eine Gruppe festgenommen, die Snus über Haparanda einführte und an Besteller in ganz Finnland verteilte.

Zweimal Silvester dank Zeitunterschied

Zeitunterschied

Zeitunterschied Schweden/Finnland im Reisezentrum Haparanda-Tornio.

Ein anderer Unterschied zwischen den Ländern ist weniger gesundheitsschädlich, erfordert aber manchmal Mitdenken: die Zeitzone. Finnland liegt östlicher und deshalb eine Stunde vor Schweden. Sicherheitshalber gibt es im Reisezentrum zwei Uhren, für die Abfahrten zu schwedischen Zielen und für die nach Finnland. Vorsicht ist angesagt bei elektronischen Geräten, die sich von selbst umstellen, beispielsweise, wenn man sich in ein WLan-Netzwerk einloggt. Wer im „Rajalla“ einen Kaffee getrunken und dabei ein paar Fotos übers Handy verschickt hat, ist nachher möglicherweise eine Stunde zu früh am Bus Richtung Schweden. Umgekehrt ist der Bus dann vielleicht schon weg. Richtig platziert, kann ein Golfspieler auf dem grenzüberschreitenden Golfplatz zu Rekordschlägen kommen, die eine Stunde lang dauern – oder in der Zeit rückwärts.

Ausgenützt wird dies auch bei der Silvesterparty auf dem Victoriaplatz, die jedes Jahr um 22 Uhr schwedischer/deutscher Zeit startet. Wo sonst darf man bei bestem Gewissen schon um 23 Uhr das erste Feuerwerk starten – für Finnland – und dann um 24 Uhr noch mal?

Karte Haparanda Tornio

Grenzziehung Haparanda/ Tornio. Karte Open Street Map

Gut zu wissen

Kirche Tornio

Die alte Kirche von Tornio ist das älteste Gebäude der Stadt.

Tornio, schwedisch Torneå, wurde 1621 gegründet, als Finnland noch Teil des Königreichs Schweden war. Nach einem verlorenen Krieg gegen Russland musste Schweden 1809 im Frieden von Fredrikshamn Finnland abgeben. Die Grenze wurde anhand der Flüsse Muonio und Tornio festgelegt. Im Gebiet der Stadt Tornio, die auf einer Insel liegt, folgt sie aber nicht der Flussmitte, die Stadt kam zu Russland. Seit 1918 ist Finnland ein selbstständiger Staat.

In der Altstadt von Tornio befindet sich eine von Finnlands ältesten und wertvollsten Holzkirchen. Sie stammt aus dem Jahr 1686 und ist das älteste erhaltene Gebäude der Stadt überhaupt. Der älteste Teil der großen Steinkirche von Alatornio auf einer Landspitze im Fluss wurde 1797 gebaut.

Das auffälligste Haus am zentralen Platz von Haparanda ist nicht etwa das Rathaus, sondern das Stadthotel aus dem Jahr 1900. Von Haparandas Bahnhof aus geht ein Vierspurengleis nach Osten über den Fluss – das finnische Bahnnetz wurde in russischer Spurbreite gebaut. Zurzeit fahren dort aber nur Güterzüge.

Provincia Bothniensis ist die von Haparanda und Tornio gegründete Einrichtung zur Zusammenarbeit. Der Grenzdienst Nordkalotten (Nordkalottens Gränstjänst/Pohjoiskalotin Rajaneuvonta) berät Privatpersonen und Unternehmen.

Auf dem Golfplatz kann man über die Ländergrenze hinweg spielen.

Die postglaziale Landhebung im nördlichen Skandinavien und Finnland ist eine Spätfolge der Eiszeit: Das Gewicht des Eispanzers hatte die Landmasse in den Erdmantel gedrückt. Nach dem Abschmelzen taucht sie nun langsam daraus wieder auf. Das Tempo hat inzwischen abgenommen, beträgt aber in der Region Höga Kusten (Schweden) und Kvarken (Finnland) noch 9 Millimeter pro Jahr. In Haparanda und Tornio ist es etwas weniger. Der ehemals tiefe Nebenarm ist jedoch inzwischen stark verlandet, was man besonders an der Südspitze der Insel Suensaari und im Bereich des Golfplatzes sieht.

Den nördlichsten schiffbaren Punkt der Ostsee beansprucht der Hafen des schwedischen Töre für sich mit 65° 54′ Nord. Tornios Anleger Tullinranta liegt auf 65 ° 50,5′.

Tornio und Haparanda liegen rund 80 Kilometer südlich des Polarkreises. Im Sommer verschwindet die Sonne nur kurz hinter dem Horizont, richtig dunkel wird es nie. Um die Wintersonnwende (21. Dezember) erscheint die Sonne in Haparanda und Tornio nur für knapp drei Stunden, die Dämmerungsphasen sind aber sehr lang. Von September bis April hat man außerdem die Chance auf Polarlicht.

Ausflugstipps

1.Kukkolaforsen /Kukkolankoski

Kukkolaforsen

Kukkolaforsen/ Kukkolankoski, Blick auf die finnische Seite

Dabei handelt es sich um Stromschnellen im Torne-Fluss 14 Kilometer nördlich von Haparanda/Tornio. Maränen, die flussaufwärts wandern, müssen sich dort in Nischen zwischendurch immer wieder ausruhen – und das wird von Juli bis September traditionell dafür genutzt, sie mir einem großen Kescher von einem Holzgestell aus aus dem Wasser zu angeln. Der Fisch wird im angrenzenden Restaurant auch serviert. Im Sommer kann man oberhalb der Stromschnellen mit einem Ponton über den Fluss setzen. Im Spätwinter geht man über das Eis auf dem ruhigen Teil des Flusses. Kukkolaforsen ist aber auch der Sitz der schwedischen Sauna-Akademie – und das darf man gerne testen.

2. Der Schärengarten

Seskaö

Seskarö

Die Inseln vor der Flussmündung sind teilweise Nationalpark (Haparanda Skärgård Nationalpark auf der schwedischen Seite, Perämeren Kansallispuisto auf der finnischen). Im Sommer fahren dorthin Ausflugsschiffe. Nach Seskarö kommt man auch über eine Brücke mit dem Auto oder Bus. Im Winter ist dieser Teil der Ostsee zugefroren. Links zu den Schiffen: Innala (Haparanda Skärgård), Visit Sea Lapland (Nationalpark Perämeri).

3. Aavasaksa

Aavasaksa

Blick vom Berg Aavasaksa auf den Tornefluss

Wer die Mitternachtssonne richtig sehen will, fährt auf der finnischen Seite (E8) 70 Kilometer weiter nördlich. Der Berg Aavasaksa war schon früh ein „Pilgerort“ für alle, die die Mitternachtssonne sehen wollen, auch wenn er noch etwas südlich des Polarkreises liegt.  Außerdem hat man  eine hervorragende Aussicht über das Tal des Tornionjoki und des Tengeliönjoki – auch zu anderen Tages- und Jahreszeiten. Der Luppioberget auf der schwedische Seite (Brücke bei Ylitornio-Övertorneå) ist etwas niedriger und weniger prominent, aber deutlich felsiger und lohnt sich ebenfalls.

4. Eisbrecher und Schneeschloss

Schneeschloss

Schneeschloss in Kemi

In Kemi, nur 20 Kilometer weiter, wird im Winter jedes Jahr ein neues Schneeschloss gebaut, in dem man auch übernachten kann. Das ist im Sommer natürlich weggeschmolzen, in einer eigenen gekühlten Halle ist jedoch das ganze Jahr über Eiskunst zu besichtigen, inklusive Gastronomie. Mit dem Museums-Eisbrecher Sampo (Liegeplatz Kemi-Ajos) kann man im Winter und Frühjahr auf die vereiste Ostsee fahren und dort auch im Überlebensanzug baden gehen.

Anreise

  • Mit dem Flugzeug über Stockholm und Luleå, von dort Weiterreise mit dem Linienbus oder mit dem „Flygbil“ nach Haparanda.
  • Mit dem Nachtzug von Stockholm oder Göteborg nach Luleå, weiter mit dem Linienbus
  • Mit dem Flugzeug über Helsinki nach Kemi/Tornio
  • Mit dem Nachtzug von Helsinki nach Kemi, von dort weiter mit dem Linienbus.

Texte und Fotos: Andrea Seliger

Karte von OpenStreetMap

Ein kürzere Version dieser Geschichte erschien am 3. Dezember 2018 in den Kieler Nachrichten. Sie wurde aktualisiert und mit zusätzlichen Informationen und Ausflugstipps ergänzt.