Schwedisches Bestattungsbüro will Asche ins All schießen

Kiruna.  Ewige Ruhe im All? Das schwedische Bestattungsbüro Fenix Begravning warb damit, bald Weltraumbestattungen durchführen zu können. Wie sich auf Nachfrage von SVT zeigte, war die Ankündigung etwas verfrüht. Auf dem dafür angedachten Raketenstartplatz in Kiruna wusste man gar nichts davon.

Rakete

Esrange liegt zwar außerhalb des Zentralortes Kiruna, dieses Raketenmodell steht jedoch direkt neben dem Busbahnhof.

Nur sehr wenige Menschen haben zu ihren Lebzeiten die Gelegenheit, ins All zu fliegen. Dabei würden 35 Prozent der Deutschen dies gerne tun, wenn sie es sich denn leisten könnten, ergab 2014 eine Meinungsumfrage. Für die, die noch nicht da waren, ist der Himmel jedoch erst Recht ein symbolischer Ort der Sehnsucht. „Möchtest du ein Stern werden, wenn du stirbst?“, fragt Fenix auf seiner Internetseite.

Das Angebot war allerdings erst angekündigt, noch nicht buchbar. Wie sich auf Nachfrage der Journalisten beim Raketenstartplatz Esrange  (European Space and Sounding Rocket Range) in Kiruna zeigte, hatte es noch keine abschließenden Verhandlungen dazu gegeben. Auf der Internetseite des Esrange-Betreibers, der Swedish Space Cooperation, heißt es, man bestätige, dass man deshalb in Kontakt gewesen sei. Ein Angebot wie dieses wecke jedoch viele Fragen und man müsse sorgfältig prüfen, ob es machbar und angemessen sei.

Die Fenix-Geschäftsführerin Charlotte Runius räumte auch ein, dass es noch keine Verträge gebe. Die Werbung für das Modell „Rest in Space“ ließen es konkreter wirken, als es war. Inzwischen ist die Internetseite geändert worden. Im Interview mit SVT zeigte sich die Geschäftsführerin allerdings überzeugt davon, dass die Idee im kommenden Jahr umsetzbar sei – und sie sei mit mehreren Optionen, auch außerhalb Schwedens, in Kontakt.

Erster Asche-Raumflug 1997

Charlotte Runius ist allerdings nicht die Erste mit dieser Idee. Zum ersten Mal wurde 1997 die Asche von 24 Verstorbenen als sekundäre Nutzlast ins All geflogen,  vom amerikanischen Weltraumunternehmen Celestis. Zu diesen Pionieren posthum gehörten der Star-Trak- Schöpfer Gene Roddenberry und Timothy Leary. Weil es extrem teuer ist, jegliche Art von Gewicht ins All zu bringen, werden jeweils nur symbolische Portionen der Asche eingekapselt. Die Asche wird auch nicht im Weltraum verstreut, wie Runius es plant. Sie kommt entweder nach erledigter Mission der Rakete – die Asche ist schließlich nicht Hauptzweck des Fluges – wieder zurück zur Erde und wird den Angehörigen ausgehändigt. Bei anderen Modellen verglüht sie beim Wiedereintritt in die Atmosphäre. Man kann die Kapsel auch auf dem Mond abladen lassen. Oder sie ist tatsächlich unendlich unterwegs. Seit neuestem können auch noch Lebende ihre DNA ins All schicken. Inzwischen gibt es noch mindestens eine weitere amerikanische und eine englische Firma, die ähnliche Modelle anbieten.

Der Raketenstartplatz Esrange bei Kiruna ist eine rein zivile Einrichtung, die vom Swedish Space Center betrieben wird. Dort starten Forschungsballons und Höhenraketen und es werden Satelliten überwacht. Zurzeit wird geprüft, ob man von dort aus auch kleine Satelliten in die Umlaufbahn befördern könnte, wie Space News berichtet. Möglicherweise kommt eine zusätzliche Einkommensquelle wie Runius‘ Idee  ganz passend.

Literatur schneller als Realität

In der Literatur ist man ja immer viel schneller. Der erste, der einen Toten ins All schickte, war vermutliche der  amerikanische Science Fiction-Autor Neil R. Jones in „The Jameson Satellite“ 1931, inklusive Cyborg-Aliens. Der Brite Evelyn Waugh schrieb eine Satire über die amerikanische Begräbnisindustrie, “ The Loved One: An Anglo-American Tragedy“(1948) mit Raketenstart, die später sogar verfilmt wurde. Der Werbeslogan „Möchtest du ein Stern werden, wenn du stirbst?“ könnte aber auch direkt aus Andri Snær Magnasons „Love Star“ (2002) abgeschrieben sein. Dort treibt der Isländer nicht nur die Begräbnisindustrie in erstaunliche Dimensionen.

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Der unsinkbare Flugzeugträger Island

Island. Gerade hat US-Präsident Donald Trump einen Verteidigungshaushalt von 700 Milliarden US-Dollar unterzeichnet. Darin befinden sich auch 14 Millionen Dollar, die nach Island gehen sollen: Die strategisch günstig gelegene Atlantikinsel ist bei der NATO wieder gefragt.

Küstenwache

Seit dem Abzug der NATO-Basis kümmert sich Island allein um seine Küstenwache.

2006 hatte die NATO ihre Basis im isländischen Keflavík aufgegeben. Nach dem Ende des kalten Krieges und dem Zerfall der Sowjetunion schien diese nicht mehr wichtig. Ein Teil des ehemaligen NATO-Basis-Geländes ist jetzt ein Gewerbepark. Es wurden und werden allerdings weiterhin phasenweise Manöver von dort aus dort durchgeführt.

Die Situation hat sich bekanntlich seitdem verändert. Und die Zeit, die NATO-Flugzeuge auf Island verbringen, ist wieder deutlich gestiegen. Waren es 2014 noch 20 Tage, sind es 2017 bisher schon 122 Tage, wie RUV zeigt.  Zweck der Einsätze ist, nach russischen U-Booten Ausschau zu halten, die vermehrt im Atlantik gesichtet wurden. Die 14 Millionen Dollar sollen dafür verwendet werden, die alten Hangars für die neuen P8-Poseidon-Flugzeuge umzubauen.

Island trat 1949 der NATO bei unter der Bedingung, keine eigene Armee unterhalten zu müssen. Dafür stellte Island ein Gelände bei Keflavík für eine Militärbasis zur Verfügung. Das Land hatte sich erst 1944 für unabhängig erklärt. Zuvor hatte es einen Autonomiestatus innerhalb des dänischen Reiches inne gehabt, ähnlich wie heute Grönland und die Färöer. Im Zweiten Weltkrieg besetzte Hitlers Armee Dänemark und die Briten Island, später dann die USA.

Die Einrichtung einer NATO-Basis in dem jungen Staat war in der Bevölkerung stark umstritten. Vor diesem Hintergrund schrieb der spätere Literatur-Nobelpreisträger und Basis-Kritiker Halldór Laxness  den Roman „Atomstation“ („Atómstöðin“).

Als die Basis 2006 geschlossen wurde, gab es erneut heiße Diskussionen. Denn damit verloren auch mehrere hundert isländische Zivilisten dort ihre Arbeitsplätze. In seinem Buch „Traumland„, original „Draumaladið“, versucht der isländische Schriftsteller Andri Snær Magnason, seinen Landsleuten Mut zu machen und sie zur Kreativität anzuregen – und von dem Großprojekt Kárahnjúkar-Staudamm und einer weiteren Aluschmelze abzuhalten. Es gebe andere Wege, Geld zu verdienen, als der Arbeitsplätze wegen die Natur zu zerstören. Die Kárahnjúkar-Frage spaltete die Gesellschaft, aber letztlich wurde der Damm und auch das nächste Aluwerk gebaut.

Die GIUK-Lücke

Nun rückt Island mit seiner strategisch wichtigen Lage an der GIUK-Lücke (Grönland-Island-UK) wieder in den Blick von USA und NATO. Warum, ist logisch: „Island ist der Schlüssel“ wird Magnus Nordenman vom Atlantic Council gerne von Medien zitiert, „Es ist der unsinkbare Flugzeugträger in der Mitte des Atlantiks, von dem aus man starten kann.“ Schon im Zweiten Weltkrieg war dieser „Flugzeugträger“ begehrt – damals ging es um deutsche U-Boote.

Die neue isländische Premierministerin Katrín Jakobsdóttir entstammt eigentlich einer Partei, die den Austritt aus der NATO im Programm hat, den Links-Grünen. Dazu wird es jedoch schon wegen der NATO-freundlichen Koalitionspartner nicht kommen. Sie wünscht sich allerdings Aufklärung über die amerikanischen Pläne. Laut Außenminister Guðlaugur Þór Þórðarson (Unabhängigkeitspartei) bei RUV ist eine erneute dauerhafte Präsens nicht geplant.

 

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Norwegen im Streit mit EU um Schneekrabbe

Norwegen. Fische schwimmen im Wasser. Krabben leben auf dem Meeresboden. Dieser Unterschied ist eine von Norwegens Verteidigungslinien beim Streit mit der EU um die Fangrechte an der begehrten Schneekrabbe in der Barentssee. Die EU hat auch für das kommende Jahr Lizenzen für den Fang erteilt – Norwegen, nicht EU-Mitglied,  hat daraufhin die Verhandlungen darüber abgebrochen.

Schneekrabbe

Schneekrabbe (Chionoecetes opilio). Foto Wikimedia Commons

Die Schneekrabbe ist wie die Königskrabbe ( siehe Wer darf von der Königskrabbe profitieren?) ein Einwanderer in der Barentssee. Die Art ist ursprünglich im nördlichen Pazifik und im nordwestlichen Atlantik beheimatet. 1996 wurde sie  von russischen Forschern erstmals in der östlichen Barentssee entdeckt.  Während die Königskrabbe gezielt ausgesetzt wurde, ist der Transportweg der Schneekrabbe unbekannt – vermutet wird, dass sie im Ballastwasser von Schiffen gereist ist. Der WWF Norwegen schätzt sie als „genauso gefährlich wie die Königskrabbe“ für das Leben am Meeresboden ein, da sie zwar etwas kleiner ist, aber einen ähnlichen Speisezettel hat. Sie bevorzugt laut dem norwegischen Meeresforschungsinstitut  allerdings kälteres Wasser. Die Schneekrabbe ist inzwischen so zahlreich, dass sie bereits kommerziell gefangen wurde.

Smutthullet

Seegrenze Norwegen und Russland mit Position des Smutthullet. Karte Wikimedia Commons, bearbeitet.

An diesem lukrativen Geschäft würden nun auch gerne andere teilhaben. Ein Großteil der Barentssee  gehört zwar zur ausschließlichen Wirtschaftszone beziehungsweise Fischschutzzone der beiden Anliegerstaaten Norwegen und Russland. Ein kleiner Teil jedoch, eine Fläche von etwa 67 100 Quadratkilometern, das die Norweger „Smutthullet“ („Schlupfloch“) nennen, gilt als internationales Seegebiet. Dort darf jeder nach den Regeln der NEAFC (Nordostatlantische Fischereikommission) fischen. Norwegen und Russland sind dort ebenso Mitglied wie die EU.

Norwegen und Russland sind sich allerdings seit 2015 einig darin, dass die Schneekrabbe kein Fisch ist, sondern zu den Arten gehört, die an den Boden gebunden sind – und damit gilt für sie nach dem internationalen Seevölkerrecht das Recht des Kontinentalsockels. Den haben Norwegen und Russland als einzige Anlieger der Barentssee unter sich aufgeteilt, die Linie verläuft durch das „Smutthullet“. Und nur der jeweilige „Eigentümer“ darf darüber entscheiden, wer was am Meeresboden treibt.

Die EU sieht das anders und hatte für 2016 über ihre Mitgliedsländer Lizenzen für Schneekrabben in der Barentssee vergeben. Ein litauischer Krabbenfänger, der sich darauf verließ, wurde von der norwegischen Küstenwache festgesetzt und erhielt eine Anzeige wegen illegalen Schneekrabbenfangs.  Weder Kapitän noch Reeder zahlten. Vom Amtsgericht wurden sie noch freigesprochen, die nächsthöhere Instanz und zuletzt auch Norwegens höchstes Gericht  urteilten jedoch, ihr Fang von Schneekrabben im Smutthullet sei ein Gesetzesverstoß und dürfe bestraft werden.

Die EU sieht das weiterhin anders und hat bei den jüngsten Festlegungen der Fischereiquoten erneut Lizenzen für Schneekrabben in der Barentssee vergeben. Der norwegische Fischereiminister Per Sandberg erklärte daraufhin unter anderem im norwegischen Fernsehen, Norwegen habe erklärt, dass man bei so einem Beschluss  die Verhandlungen über die Schneekrabbe abbrechen werde. Die EU habe sich also bewusst für den Abbruch entschieden.

Erst Schneekrabben, dann Öl?

Norwegische und internationale Kommentatoren sind sich allerdings einig, dass es bei der Auseinandersetzung um viel mehr geht als um Schneekrabben. Denn noch interessanter als das, was auf dem Meeresboden herumkrabbelt, ist das, was unter dem Meeresboden in der Barentssee schlummert – Öl und Gas. Und hier kommt auch ins Spiel, dass Spitzbergen kein gewöhnliches norwegisches Territorium ist. Die Koexistenz mit den ökonomischen Interessen andere Staaten ist im Spitzbergenvertrag (siehe Norwegen/Territorium) geregelt. Aus norwegischer Sicht steht allerdings fest, dass der Vertrag nur für die Insel selbst und deren 12-Meilen-Zone gilt. In der Fischschutzzone 200 Seemeilen um das Gebiet und auf dem norwegischen Kontinentalsockel  habe nur einer das Recht, Lizenzen zu vergeben – Norwegen.

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Polizei geht: Finnische Kommune sucht jetzt Sheriff

Enontekiö. Wenn Anfang kommenden Jahres Enontekiös letzter Polizist in den Ruhestand geht, steht die finnische Gemeinde ganz ohne Ordnungshüter da. Sie soll künftig von einer Nachbarkommune aus mit betreut werden. Die Gemeinde will das nicht hinnehmen: Sie will jetzt die Stelle eines kommunalen Sheriffs einrichten. Darüber berichteten Yle und Svenska Yle.

Karte Enontekiö

Die finnische Gemeinde Enontekiö zwischen Schweden und Norwegen. Karte mit Hilfe von stepmap.

Auflösung kleiner ländlicher Dienststellen: Sowas kennt man auch aus Deutschland. In Nordfinnland heißt benachbart, dass zwischen  dem Zentralort Hetta in der Gemeinde Enontekiö und dem nächsten Zentralort Muonio mit Polizei 80 Kilometer liegen. Nach Kittilä wären es sogar 150 Kilometer.  Enontekiös westlichster Ort Kilpisjärvi ist von Muonio 200 Kilometer, von Kittilä 275 Kilometer entfernt. Das ist Seppo Alatörmänen, dem Vorsitzenden des Gemeinderats von Enontekiö, zu weit. „Die Kommune hat eine Verantwortung für ihre Bürger, auch wenn der Staat die Verantwortung für die Polizei hat“, wird er von den finnischen Medien zitiert. Die Gemeinde hat auch eine eigene Presseerklärung dazu herausgegeben.

Enontekiö Kirche

Kirche in Hetta, Enontekiö. Foto BishkekRocks, CC BY-SA 3.0

Enontekiö ist von der Fläche her die drittgrößte Kommune Finnlands mit 8391 Quadratkilometern. Das ist etwas mehr als die Hälfte von Schleswig-Holstein (15 763  Quadratkilometer). Auf der Landkarte ist sie leicht zu finden: Es ist der „linke Arm“ Finnlands, der im hohen Norden zwischen Schweden und Norwegen klemmt. Es wohnen allerdings nur knapp 2000 Menschen dort, die sich auf kleine Orte entlang der wenigen Straßen verteilen. Am meisten, rund 700, wohnen noch im Zentralort Hetta. Die Gemeinde gehört zum Siedlungsgebiet der Samen, Rentierzucht ist ein wichtiger Wirtschaftszweig.

„Wir sind keine typisch finnische Binnengemeinde“, wird Seppo Alatörmänen auch im Helsingin Sanomat zitiert.  Durch die Gemeinde führt die Europastraße 8 aus Tornio nach Norwegen, wo es immer wieder zu Unfällen kommt. Außerdem ist es ein Gebiet mit vielen Touristen, die auch schon mal im Gelände verloren gehen, den Grenzen zu Schweden und Norwegen sowie vielen Rentieren. Alatörmänen berichtet auch von einem Notfall in Hetta, wo man zweieinhalb Stunden auf die Polizei wartete, und vermutet: „In Kilpisjärvi hätten man fünf Stunden gewartet.“

Bisherige Gespräche mit den Behörden hätten nichts gebracht. Deshalb sieht sich die Kommune nun auf eigene Faust um, um die Sicherheit aufrecht zu erhalten. Einen Bewerber gebe es bereits.

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Forscher entdecken paradoxe Fluchtreaktion beim Narwal

Grönland. Ein internationales Forscherteam hat im Sommer Narwale vor Ostgrönland mit Instrumenten bestückt – und eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Flieht der Narwal unter menschengemachtem Stress, reagiert sein Organismus mit zwei gegensätzlichen Reflexen, die seine Gesundheit in Gefahr bringen können.

Narwal

Grönländischer Narwal. Foto Terrie Williams

Ein Artikel dazu hat das Team aus Dänemark, Grönland und den USA jetzt in Science veröffentlicht. Das naturhistorische Museum der Universität Kopenhagen hat außerdem eine Pressemitteilung dazu herausgegeben.

Fünf Narwale hatte das Team mit Hilfe Einheimischer im Scoresby Sound in Ostgrönland gefangen und mit  Instrumenten bestückt, die mit Saugnäpfen auf den Tieren befestigt wurden. Diese zeichneten Herzfrequenz,  Position und Schwimmaktivität auf. Die wasserfeste Kapsel fiel nach drei Tagen ab und konnte geortet und eingesammelt werden.

Nachdem die Wale wieder entlassen wurden und zum ersten Mal abtauchten, so berichten die dänischen Forscher Mads Peter Heide-Jørgensen und Mikkel Holger Strander Sinding, sei ihre Herzfrequenz auf drei bis vier Schläge pro Minute gefallen. Dies entspreche einem normalen Tauchgang unter ruhigen Umständen. Gleichzeitig hätten sie dabei aber eine Fluchtreaktion mit kräftigen Schwimmbewegungen gezeigt.

Kapsel

Wasserdichte Kaopsel auf dem Walrücken. Die Saugnäpfe lösen sich nach ein paar Tagen. Foto Mads Peter Heide-Jørgensen

Heide-Jørgensen, Professor an der Universität Kopenhagen und an Grönlands Naturinstitut, zieht daraus den Schluss, dass die Wale in Stresssituationen in einen physiologischen Konflikt kommen: Zum einen der bekannte Tauchreflex mit herabgesetztem Herzschlag, der eine sparsame, aber dauerhafte Sauerstoffversorgung sichert, zum anderen der Fluchtreflex, bei dem viel Sauerstoff für die Muskeln gebraucht wird. Dies koste den Wal zunächst viel Energie, könne aber auch sein Herz und sein Hirn gefährden – bis hin zu Bewusstlosigkeit und Tod.

Anhand der Aufzeichnungen zeigte sich, dass besonders Schiffsgeräusche bei den Narwalen diese paradoxe Reaktion auslösen. Die bekannte Reaktion auf ihren einzigen natürlichen Feind neben dem Menschen, dem Orca, ist, sich mit verlangsamtem Herzschlag in die Tiefe sinken zu lassen, wo dieser nicht hinkommt. Darauf geht auch der Beitrag von SVT zum Thema ein.

Erklärung für Todesfälle bei Walen?

„Wir vermuten, dass die paradoxe Fluchtreaktion des Wals die Ursache von unerklärlichen Todesfällen bei Walen sein kann, die Unterwassergeräuschen ausgesetzt waren“ , so der Professor.

Narwale können vier bis sechs Meter lang werden und leben nur in der Arktis. Früher wurden sie kommerziell gejagt und besonders das gedrehte, zwei Meter lange Horn des männlichen Tieres war begehrt. Heute dürfen dies nur noch die Inuit nach einer festgelegten Quote.

Für die Forscher ist nun die Frage, wie der Narwal mit den Herausforderungen umgeht, auf die in die Evolution nicht vorbereitet hat. Denn mit dem Zurückweichen des arktischen Eises werden der Schiffsverkehr und andere menschliche Aktivitäten dort zunehmen.  Mit noch mehr Wissen wollen sie zum Schutz der Tiere beitragen.

Auf der Internetseite des Grönländischen Naturinstituts (Pinngortitaleriffik) ist ein Blog auf Englisch über die verschiedenen Narwal-Forschungsprojekte des vergangenen Sommers zu lesen.

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Finnland: Edelstahlriese investiert in seine Chrom-Mine

Finnland. Outokumpu, einer der größten Hersteller von rostfreiem Stahl weltweit, will seine Chrom-Mine in Kemi ausbauen. Die Grube nahe der finnisch-schwedischen Grenze soll eine Etage tiefer gehen und eine neue Hauptsohle bekommen. Dafür investiert das finnische Unternehmen 250 Millionen Euro. Darüber berichteten Yle und SVT.

Chrom-Mine

Chrom-Mine in Kemi. Foto Outokumpu

Die Mine im Norden von Kemi, genauer in Elijärvi, ist die einzige innerhalb der EU, in der Chromerz abgebaut wird. Ansonsten kommt der wertvolle Rohstoff, der vor allem für die Herstellung von rostfreiem Stahl benötigt wird, aus Südafrika, Kasachstan oder Indien. Im Gegensatz zu manchen anderen  Grubenprojekten im Norden Skandinaviens hat Outokumpu kein großes Transportproblem: Das Material wird ausschließlich im firmeneigenen Ferrochrom- und Stahlwerk im nur 25 Kilometer entfernten Tornio weiterverarbeitet. Das fertige Produkt wird von dort aus verschifft.

Outokumpu hatte ursprünglich als Kupferhersteller im gleichnamigen Ort in Ostfinnland begonnen. Inzwischen setzt das Unternehmen allein auf Edelstahl. Richtig groß wurde es durch die Fusion 2001  mit Avesta Sheffield und  durch die Übernahme der Edelstahlsparte von Thyssen Krupp 2012. Drei seiner Werke stehen in Deutschland, in Dahlenbrück, Dillenberg und Krefeld. Weltweit hat der Konzern nach eigenen Angaben  rund 10 000 Angestellte.

Bottnischer Meerbusen

Der nördliche Bottnische Meerbusen. Der Fluss Torneälv/Tornio bildet die Grenze zwischen Schweden und Finnland. Karte mit Hilfe von stepmap

Die Mine in Kemi gibt es seit 50 Jahren. Anfangs wurde an der Oberfläche abgebaut, seit 2005 ausschließlich unterirdisch. Jährlich werden dort etwa 2,7 Millionen Tonnen Erz gewonnen. Inzwischen ist der Abbau so weit fortgeschritten, dass man nun eine tiefere Hauptsohle benötigt, um den Nachschub für das Werk in Tornio zu sichern. Laut Yle und SVT sind zurzeit rund 500 Menschen in der Grube beschäftigt. Der Ausbau sichert ihren Arbeitsplatz. Die Baustelle wird aber für zusätzliche Aufträge in der Region sorgen. 2020 soll die neue Hauptsohle fertig sein.

Weitere Bergbauprojekte im Norden – mit und ohne Zukunft:

 

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Schon wieder: 80 Rentiere von Bahn überfahren

Norwegen. Die Unglücksserie an der Nordlandsbahn zwischen Trondheim und Bodø in Norwegen reißt nicht ab. Zwei Wochen nach der Unfallserie südlich von Mosjøen mit insgesamt rund 120 toten Rentieren starben gestern südlich von Lønsdal im Saltdalen 80 Tiere auf den Schienen. Darüber berichtete NRK.

Unfall

80 Tiere starben am Sonntag auf den Schienen südlich von Lønsdal. Karte mit Hilfe von stepmap.

Gebietsdirektor Thor Brækkan von Bane NOR bedauert den Unfall. Die Bahn sei diesmal nicht gewarnt worden: „Wir sind abhängig davon, dass wir von der Rentierhalter-Kooperative informiert werden, wo die Tiere sind, um solche Unfälle verhindern“, heißt es in der Pressemitteilung von Bane NOR. Wie schon bei den vorherigen Kollisionen  mit vielen Tieren (siehe hier und hier) fuhr der Zug mit normaler Geschwindigkeit. Dabei hat der Lokführer keine Chance, rechtzeitig zu bremsen. Ist die Bahn dagegen vom Besitzer vorgewarnt, fährt der Zug in dem betreffenden Abschnitt langsamer – sofern die Warnung auch den Lokführer erreicht hat. Dies war bei den Fällen vor zwei Wochen nicht geschehen.

Inzwischen wird auf insgesamt 50 Kilometern wegen Rentieren in der Gegend langsamer gefahren, was zu Verspätungen führt. Betroffen sind sowohl Güter- als auch Personenzüge.

Die Renherden sind auf dem Weg zur Winterweide an der Küste. Dabei müssen sie auch die Verkehrswege der Menschen queren.

Der neue Unfallort liegt im Bereich des Saltfjellet. Dort stehen bereits Schutzzäune, der letzte Abschnitt war erst im Sommer errichtet worden – allerdings einige Kilometer südlich der Stelle, wo nun 80 Tiere totgefahren wurden.

Zäune sind der beste Schutz

In der Pressemitteilung von Bane NOR heißt es, man überarbeite gerade den Plan für die Maßnahmen, die die Zahl der Unfälle mit Rentieren auf der Strecke verhindern sollen. Auf alle Fälle sollen im kommenden Jahr 25 Kilometer neuer Schutzzaun südlich von Mosjøen gebaut werden.

Nötig wären aber wohl noch viel mehr. Ein Gutachten des Norwegischen Instituts für Naturforschung, das vergangenes Jahr von der Bahn in Auftrag gegeben wurde, kommt zu dem Schluss, dass Schutzzäune die effektivste Maßnahme sind. Insgesamt kamen die dafür befragten Rentierhalter an der Strecke auf 295 von insgesamt 729 Kilometern, wo ihrer Meinung nach Zaun nötig wäre.

Nach der Untersuchung hat die Unfallhäufigkeit auch zugenommen: In den 1990er Jahren habe es im Durchschnitt noch „nur“ 198 toten Rene im Jahr gegeben, zwischen 2010 und 2015 schon 380. Führt man die Statistik von NRK weiter fort, die vor zwei Wochen noch bei 318 Fällen waren, liegt das Jahr 2017 schon darüber. Andere Tiere wie Elche sind dabei noch gar nicht mitgezählt.

Frühere Artikel zum Thema:

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Spitzbergen diskutiert über Kohle-Aus

Spitzbergen. Für die norwegischen Kohlegruben auf Spitzbergen ist die Zeit abgelaufen. Diese Entscheidung fiel im Rahmen der Haushaltsberatungen in Oslo für das kommende Jahr: Nur für die Schließung der Gruben Svea und Lunckefjell soll der Staat als Eigner Geld ausgeben – nicht für Investitionen.

Spitzbergen

Longyearbyen, Spitzbergen. Foto: Thomas Christiansen.

Zurzeit wird nur in einer norwegischen Kohlegrube auf der Insel gearbeitet: Gruve 7. Dort werden rund 150 000 Tonnen Kohle pro Jahr abgebaut. Rund 30 000 Tonnen davon bleiben auf der Insel und versorgen die rund 2000 Bewohner des norwegischen Ortes Longyearbyen mit Energie. Der Rest wird verschifft. Aufgrund der speziellen Eigenschaften  kann Kohle aus Spitzbergen auch in der technischen Industrie verwendet werden. Diese Grube soll auch zunächst weiter betrieben werden.

Die Grube Svea und die erst 2014 eröffnete Grube Lunckefjell pausieren schon seit zwei Jahren aufgrund des niedrigen Kohlepreises. Der Plan für eine Wiedereröffnung im kommenden Jahr lag schon in der Schublade. Dafür hätte der Betreiber, die staatliche Store Norske Spitsbergen Kulkompani, aber Geld für Investitionen gebraucht. Statt dessen verkündete Wirtschaftsministerin Monica Mæland, dass nur noch Gruve 7 weiter laufen soll. Die anderen werden abgewickelt. Begründet wurde dies damit, dass ein Betrieb mit großer Wahrscheinlichkeit unwirtschaftlich sein würde.

Eisbären

Außerhalb der Orte gilt: Vorsicht, Eisbären. Foto Thomas Christiansen

Im Festland-Norwegen wurde dieser Beschluss begrüßt – nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern vor allem aus umweltpolitischen Gründen. Die Kohleförderung dort war immer wieder in der Kritik gewesen. Kohlekraftwerke gibt es in Norwegen nur auf Spitzbergen (neben Longyearbyen auch noch in der russischen Siedlung Barentsburg).

Auf Spitzbergen, rund 700 Kilometer von Festland entfernt, sah die Reaktion erwartungsgemäß anders aus. Die Grube ist einer der größten Arbeitgeber. Seit mehr als 100 Jahren wird dort Kohle abgebaut. Ohne Einkommensmöglichkeiten, so fürchteten Longyearbyen-Bewohner im Interview mit NRK, würde der Ort schrumpfen und es werde schwer, die gemeinschaftlichen Einrichtungen aufrecht zu erhalten. Es gab einen Fackelzug mit laut NRK mehreren 100 Teilnehmern.

Die Empörung der Inselbewohner wuchs, als sich herausstellte, dass die Summe für die endgültige Stilllegung und Abwicklung der Anlagen deutlich teurer wird als ursprünglich bekannt gegeben – rund eine Milliarde Kronen, also gut 100 000 Euro. Begründet wird dies damit, dass die Auflagen der Umweltbehörde bei der ersten Schätzung noch nicht vollständig bekannt gewesen seien.

Viele Inselbewohner bezweifeln außerdem die Entscheidungsgrundlage. Der Großteil der Kohle werde in der Industrie verwendet, die werde gebraucht, auch in Norwegen, so ein Leserbriefschreiber an High North News. Und er macht sich Sorgen um die politischen Auswirkungen: Auf Spitzbergen darf sich nach dem Spitzbergenvertrag (siehe Norwegen/Territorium) schließlich jeder niederlassen, der unterschrieben hat. Die Kohle könnte also auch ein chinesisches Unternehmen abbauen. Ein früherer Grubendirektor behauptet im selben Medium, ein wirtschaftlicher Betrieb sei sehr wohl möglich – mit ein paar Änderungen in der Abbaumethode.

Russische Grube in Barentsburg

Zurzeit macht nur Russland von den Möglichkeiten des Spitzbergenvertrags Gebrauch. Rund 400 Menschen leben noch in der russischen Siedlung Barentsburg, die ihre eigene Infrastruktur hat. Dort liegt auch die Grube des staatlichen russischen Unternehmens Trust Arktikugol. Ein Landverbindung nach Longyearbyen gibt es nicht. Der Bergbau und die Siedlung in Pyramiden wurden aufgegeben.

Die dritte Siedlung auf Spitzbergen ist Ny Ålesund mit dem norwegischen Polarinstitut und weiteren Forschungsstationen diverser Länder. Eine kleine polnische Forschungseinrichtung befindet sich außerdem in Hornsund.

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Island: Vulkan Öræfajökull weiter unruhig

Island. 160 Erdbeben verzeichnete das isländische meteorologische Institut (Veðurstofa Íslands) vergangene Woche am Öræfajökull – so viele wie noch nie. Als Erklärung gilt, dass in einigen Kilometern Tiefe Magma in das System des Vulkans aufsteigt. Die Wissenschaftler werten dies als Zeichen für einen bevorstehenden Ausbruch – die Frage ist nur, wann.

Gletscher

Gletscher über dem Vulkan: Öræfajökull. Foto Ágúst J. Magnússon/ Veðurstofa Islands

Die 160 Erdbeben an dem Gletschervulkan  in der 48. Kalenderwoche waren alle nicht sehr heftig – maximal Stärke 1,6. Diese Tendenz setzte sich auch in der laufenden Woche fort: nicht stark, aber häufig. Am Donnerstag und Freitag bebte die Erde rund um den Öræfajökull nach der Statistik von Veðurstofa Íslands rund 30 Mal. Am Berg seien inzwischen noch weitere Messgeräte und Webkameras angebracht worden, um ihm zu überwachen, heißt es im jüngsten Bericht des Zivilschutzes.

Ein weiteres Zeichen für Aktivität ist, dass die vor drei Wochen entdeckte neue Caldera noch tiefer geworden ist. Als Ursache dafür gilt Geothermie unter dem Gletscher – entweder, so zitiert RUV die Wissenschaftler, sei die Stelle weiter geothermisch aktiv oder der Kessel entleere sich nun. Die Caldera ist etwa einen Kilometer lang und nun rund 22 Meter tief. Das Schmelzwasser läuft weiter über den Fluss Kvíá ab.

Erdbeben

Wie auf dieser Karte von Veðurstofa Islands zu sehen ist, häufen sich die Erdbeben im Süden des großen Gletschers Vatnajökull – am Öræfajökull. Der Farbcode zeigt, wann innerhalb der letzten 48 Stunden das Beben stattfand. Die aktuellsten sind rot.

Die Pläne für eine Evakuierung im Falle eines Ausbruchs liegen nun bereit. Die Sorge der Bewohner in den Siedlungen am Fuße des Berges ist das schlechte Handynetz in dem Gebiet. An der Ringstraße selbst und in vielen Gebäuden funktioniert es noch. Am Berg, wo normalerweise auch Touristen unterwegs sind, gebe es dagegen oft keine Deckung, berichtet beispielsweise Islandsbloggen.  SMS kämen manchmal auch verspätet an. Dabei ist die Warnung per Mobilfunk ein Teil der Maßnahmen bei bevorstehendem Ausbruch. Eile ist dabei geboten, denn der Gletscher könnte so schnell schmelzen, dass eine Flutwelle bereits nach 20 Minuten die Straße und Gebäude erreicht.

Der Öræfajökull ist zwar zurzeit der einzige isländische Vulkan, dessen Status auf der Flugkarte mit gelb für erhöhte Aktivität angegeben ist. Es machen jedoch auch andere immer wieder mit Erdstößen auf sich aufmerksam, beispielsweise der Bárðarbunga.

Die zahlreichen Beben auf Island sind aber nicht nur auf vulkanische Aktivitäten zurückzuführen, sondern häufig auch auf die Bewegungen der Erdplatten. Das heftigste Beben in der Region mit der Stärke 3,6 in den vergangenen Tagen ereignete sich  gut 500 Kilometer nördlich von Island – kurz vor den kleinen norwegischen Insel Jan Mayen.

Update:  Beben Stärke 4,1 am Bárðarbunga Samstagmorgen, 9.12.

Frühere Artikel zur Lage am Öræfajökull:

 

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