Kiruna: Graphitabbau gegen lokalen Widerstand durchgesetzt

Vittangi (Schweden). Der Weg für einen Graphitabbau bei Vittangi ist frei – gegen den Willen der zuständigen Kommune Kiruna. Zum ersten Mal nutzte die Regierung die Möglichkeit, das Selbstbestimmungsrecht einer Kommune zu übergehen und den erwünschten Bebauungsplan trotzdem erstellen zu lassen und zu genehmigen. Die Demokratie sei überfahren worden, sagte dazu der Kommunalrat von Kiruna. Darüber berichtete SVT.

Lage des Vorkommens Nunasvaara bei Vittangi. Karte sel/Openstreetmap

Konkret handelt es sich um das Graphitvorkommen Nunasvaara Süd bei Vittangi, das zur weiträumigen Kommune Kiruna gehört. Es ist das australische Unternehmen Talga, das dort seit Jahren Untersuchungen durchführt und große Pläne hat. Laut Talga soll der Graphit dort eine vergleichsweise hohe Konzentration haben und damit besonders vorteilhaft sein, um daraus Anoden für Elektroauto-Batterien herzustellen. Talga will nicht nur den Graphit abbauen, sondern auch – in Luleå – daraus die Anoden fertigen.

Gegen das Projekt: Naturschützer, Rentierhalter, Kommune

Der Abbau des Graphits bei Nunasvaara Süd ist von der Bergbaubehörde genehmigt worden. Es ist normalerweise allerdings Sache der Kommune, die baurechtlichen Voraussetzungen zu schaffen. Doch Kiruna stimmte zunächst dagegen, den Bebauungsplan aufzustellen – aus mehreren Gründen.

  • Zum einen gibt es Widerstand gegen das Projekt, sowohl von Naturschutzorganisationen als auch von den beiden betroffenen Rentierhalterkooperativen Gabna und Talma Sameby, weil dadurch die Natur zerstört würde. Deren Gründe wiegen umso schwerer, weil das zuerst beantragte Abbaugebiet nicht das einzige ist. Talga hat noch drei weitere Graphitvorkommen lokalisiert, deren Abbau inzwischen auch beantragt ist. Die Naturzerstörung würde langfristig also ein viel größeres Gebiet betreffen als das zuerst beantragte.
  • Zum anderen war die Ablehnung der  Kommune eine politische Markierung: „Keine weiteren Gruben, wenn wir nicht dafür vom Staat auch etwas zurückbekommen“, so die Kurzfassung. Die Stadt Kiruna ist bekanntlich von den Bergbauschäden der örtlichen Erzgrube extrem betroffen. 

Regierung entzog der Kommune das Verfahren

Nunasvaara .Quelle Länsstyrelsen Norrbotten

Nach der ersten Ablehnung des B-Plans für Nunasvaara setzte die Regierung Kiruna zunächst eine Frist bis zum 16.Juni 2025 und drohte mit Entzug des Verfahrens. In der „Wahl zwischen Pest und Cholera“ begann die Kommune im Mai doch mit den ersten Schritten zur Erstellung des B-Plans. Doch die Regierung entzog der Kommune das Verfahren mit der Begründung, die Frist sei nicht eingehalten worden. Sie beauftragte die Verwaltung von Norrbotten, den Plan zu erstellen, und beschloss ihn jetzt selbst. Gegen den Beschluss kann auch nicht mehr geklagt werden. Das Vorgehen wird damit begründet, dass es sich um das größte und reichhaltigste Graphitvorkommen Europas handele und dass es sehr wichtig für Schweden und die EU sei, sich selbst mit kritischen Rohstoffen versorgen zu können. 

„Demokratie überfahren“

Kirunas Kommunalrat Mats Taaveniku kommentierte das Verfahren gegenüber SVT so: Es sei tragisch, in welche Richtung Schweden steuere, wenn man bereit sei, die Demokratie und die in der Verfassung verankerte kommunale Selbstverwaltung zu überfahren. „Die jetzige Regierung sieht uns wie eine Bohrinsel. Man nimmt sich Sachen und gibt nichts zurück.“

Finanzierung noch nicht komplett

Wann Talga nun tatsächlich loslegt, ist allerdings völlig unklar. Im Dezember meldeten Medien, es sei für das Unternehmen schwerer gewesen als erwartet, das notwendige Geld dafür aufzutreiben. Auch das Werk, in dem die Anoden hergestellt werden sollen, steht noch nicht. Laut SVT wird der Graphitabbau voraussichtlich nicht vor 2029 beginnen.

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Im Fjäll

Fast alle dieser tödlichen Unfälle fanden abseits markierter Wege statt: ein Lawinenunglück in Kårsavagge bei Abisko, bei dem zwei Heliski-Touristen starben, zwei Skiunfälle, ein Fall von Ertrinken nahe Storuman, vermutlich beim Eisangeln,  Unfälle mit Schneemobilen und Quads, Abstürze beim Wandern und Klettern. So stürzte ein Mann aus Deutschland bei Kårsavagge tödlich ab.

Gefahr Kohlenmonixid

Eher ungewöhnlich sind die beiden Fälle mit Kohlenmonoxidvergiftung im Februar: Zum einen traf es zwei Männer im Zelt, zum anderen eine Frau in einer Rasthütte. Als Quelle wird jeweils ein Campingkocher vermutet. Der schwedische Fjällsicherheitsrat will nun mit einer zusätzlichen Kampagne darauf aufmerksam machen, dass man den Kocher nicht in geschlossenen Räumen bzw. Zelten benutzen sollte. Denn bei ungenügender Belüftung brennt die Flamme schlecht, und es kann Kohlenmonoxid entstehen.

Tödlicher Absturz zweier STF-Angestellter

Zur Statisik trug aber auch ein Arbeitsunfall bei, der Anlass zu Veränderungen gab: der tödliche Absturz von zwei Angestellten des schwedischen Touristenvereins STF im April. Diese hatten am Kebnekaise ein Seil demontieren sollen, das einige Wochen zuvor im Zusammenhang mit dem Extremskirennen Kebnekaise Classics angebracht worden war. Die beiden Männer im Alter von 35 Jahren stürzten mehr als 100 Meter tief, weil sich eine Befestigung löste. Die Polizei ermittelte dazu, und die Behörde für Arbeitsschutz untersuchte die Abläufe zur Risikobeurteilung bei STF. 

 Wie Arbetet berichtet, hatten die Männer sich selbst angeboten, das Seil zu entfernen, und sie waren auch erfahrene Wanderführer. Sie hatten aber keine Spezialausbildung für fortgeschrittenes Klettern im alpinen Milieu, so wie diejenigen, die das Seil angebracht hatten. STF hat inzwischen die  Veränderungen umgesetzt, die die Behörde für Arbeitsschutz verlangt hatte. Ob es zu einem Gerichtsverfahren kommt, ist noch nicht klar.

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