Kiruna – eine Stadt zieht um

Die nordschwedische Stadt Kiruna wurde vor mehr als 100 Jahren  für den Erzbergbau gegründet. Mit rund 27 Millionen Tonnen Erz aus den Standorten Kiruna, Svappavaara und Malmberget 2017 steht die staatliche schwedische Bergbaufirma LKAB für 90 Prozent der europäischen Produktion. Wird der Boden unter Kiruna weiter ausgehöhlt, droht die Stadt jedoch bald einzustürzen. Deshalb zieht Kiruna nun um.

 Kiruna Zentrum

Der Berg ist allgegenwärtig: Kiruna Zentrum

Hjalmar Lundbohm,  LKABs erster Disponent dort, der als Gründer Kirunas gilt, hätte sich wohl nicht vorstellen können, dass eines Tages einmal sein eigenes Haus dem Abbau weichen muss. Denn damals wurde das Erz noch oberirdisch aus dem Kiirunavaara geholt. Und vermutlich ahnte auch noch niemand, dass der gewaltige Erzkörper wie eine schrägstehende Scheibe im Boden liegt – deren unteres Ende sich der Stadt zuneigt. Inzwischen wird  1365 Meter unter der ehemaligen Bergspitze abgebaut. Zwischen der Stadt und den Anlagen der LKAB (Luossavaara Kiirunavaara Aktiebolaget) wächst das Niemandsland –  die Zone, in der das Erdreich in die Hohlräume nachrutscht und die von Menschen nicht mehr betreten werden darf.

Neuer Zentrum nach Tuolluvaara

Kiruna Rathaus

Kirunas altes Rathaus, inzwischen abgerissen

Bereits seit 2004 ist klar, dass dies in naher Zukunft auch das heutige Stadtzentrum treffen wird, darunter Geschäfte, öffentliche Einrichtungen und rund 3000 Wohnungen. Lange wurde darüber diskutiert, in welche Richtung sich Kiruna statt dessen entwickeln soll. 2011 beschloss die Kommune, das neue Zentrum im östlich gelegenen Tuolluvaara aufzubauen.  Das preisgekrönte alte  “Stadshuset”ist der Entwicklung bereits zum Opfer gefallen, es wurde im Sommer 2019 abgerissen. Allein der charakteristische Uhrenturm bleibt erhalten und ist zum neuen Rathaus umgezogen, das seit Sommer 2018 in Betrieb ist.  Der frühere Bahnhof ist bereits abgerissen, das Gleis umgelegt,  ebenso die E 10, viele alte Häuser sind ebenfalls fort, neue Häuser wachsen. Eine Reihe von ausgewählten Gebäuden werden umgezogen. Der Hjalmar Lundbohmgården wurde 2017 an einem neuen Standort am Fuße des Luossavaara transportiert. 

Die Erzgrube ist der größte Arbeitgeber der Region

Querschnitt Erzabbau in Kiruna. Quelle: LKAB

Die Grube ist mit Abstand der größte Arbeitgeber der Region. Diese wiederum ist abhängig von Nachfrage und Preisniveau auf dem Weltmarkt, was schon in der Vergangenheit immer direkt auf die Stadt durchschlug: Hatte LKAB viele Angestellte, ging es auch anderen Branchen gut. Verkaufte LKAB schlecht und die Menschen suchen Arbeit anderswo, riss dies alles mit. Nun muss das Erz auch den Umzug finanzieren, nach dem Verursacherprinzip. Der Weltmarktpreis schwankte dabei allein in den vergangenen zehn Jahren zwischen mehr als 190 Dollar und weniger als 50 Dollar pro Tonne.

Der Erzvorrat soll noch bis 2060 reichen

Erz

Kirunas Erzkörper, soweit bekannt. Quelle: LKAB

Lange schien der Erzkörper in Kiruna praktisch unendlich ergiebig – man musste nur immer tiefer graben. Doch ganz so einfach ist es nicht. Ende Oktober 2018 macht LKAB öffentlich, dass die Produktion zwar bis 2035 wie geplant fortschreiten könne. Doch danach sei die Zukunft unsicher: Am südlichen Ende des Erzkörpers sei nicht mehr so viel zu holen wie bisher angenommen. Nach zwei Jahren intensiver Untersuchungen scheint aber klar, dass es in Kiruna nochausbaufähige Reserven gibt und die Grube bis 2060 weiter betrieben werden könnte. Im Jahr 2025 muss aber voraussichtlich entschieden werden, ob man ein neues Hauptniveau einrichtet, also noch ein Stück tiefer geht.

Kristallen 2021

Kirunas neues Rathaus Kristallen, Sommer 2021

Die Folgen für die Stadt sind sichtbar und nicht aufzuhalten. Immer näher rückt der Bauzaun an das alte Zentrum. Im Jahr 2022 sollen viele weitere neue öffentliche Gebäude, Geschäfte und Wohnungen im neuen Zentrum bezogen werden

(Stand: 5.1.2022)

Mehr zu Kiruna:

Bildergalerien zur Entwicklung der vergangenen Jahre

Kategorie Kiruna auf der Nachrichtenseite

Webseite der Kommune Kiruna

Webseite des Fotografen Kjell Törmä aus Kiruna. Kjell Törmä dokumentiert seit Jahren die Stadt und ihre Entwicklung und hat dazu bereits drei Fotobände herausgebracht.

Auch der Bergbauort Malmberget mit heute noch etwa 3500 Einwohnern, 120 Kilometer südlich von Kiruna  steht nicht mehr sicher. Fast alle sollen innerhalb der nächsten 20 Jahre umziehen – in den Nachbarort Gällivare: Malmberget und Gällivare: Aus zwei mach eins