Kiruna – eine Stadt zieht um

Die nordschwedische Stadt Kiruna wurde vor mehr als 100 Jahren  für den Erzbergbau gegründet. Mit rund 27 Millionen Tonnen Erz aus den Standorten Kiruna, Svappavaara und Malmberget 2016 steht die staatliche schwedische Bergbaufirma LKAB für 90 Prozent der europäischen Produktion. Wird der Boden unter Kiruna weiter ausgehöhlt, droht die Stadt jedoch bald einzustürzen. Deshalb zieht Kiruna nun um.

 Kiruna Zentrum

Der Berg ist allgegenwärtig: Kiruna Zentrum

Hjalmar Lundbohm,  LKABs erster Disponent dort, der als Gründer Kirunas gilt, hätte sich wohl nicht vorstellen können, dass eines Tages einmal sein eigenes Haus dem Abbau weichen muss. Denn damals wurde das Erz noch oberirdisch aus dem Kiirunavaara geholt. Und vermutlich ahnte auch noch niemand, dass der gewaltige Erzkörper wie eine schrägstehende Scheibe im Boden liegt – deren unteres Ende sich der Stadt zuneigt. Inzwischen wird  1365 Meter unter der ehemaligen Bergspitze abgebaut. Zwischen der Stadt und den Anlagen der LKAB (Luossavaara Kiirunavaara Aktiebolaget) wächst das Niemandsland –  die Zone, in der das Erdreich in die Hohlräume nachrutscht und die von Menschen nicht mehr betreten werden darf.

Berg Kiirunavaara

Der Kiirunavaara.

Bereits seit 2004 ist klar, dass dies in naher Zukunft auch das heutige Stadtzentrum treffen wird, darunter Geschäfte, öffentliche Einrichtungen und rund 3000 Wohnungen. Lange wurde darüber diskutiert, in welche Richtung sich Kiruna statt dessen entwickeln soll. 2011 beschloss die Kommune, das neue Zentrum im östlich gelegenen Tuolluvaara aufzubauen. 2018 soll das neue Rathaus fertig sein. Das preisgekrönte alte  „Stadshuset“ gehört zu den zukünftigen Opfern der Entwicklung: Die Sprünge im Boden sind schon nahe gerückt. Allein der charakteristische Uhrenturm bleibt erhalten und wurde im Sommer 2017 umgezogen.  Die ersten Wohnhäuser des Viertels Ullspiran und der frühere Bahnhof sind bereits abgerissen, das Gleis umgelegt. An einer neuen Führung der E 10 wird gearbeitet, neue Häuser wachsen.

Querschnitt Erzabbau in Kiruna. Quelle: LKAB

Die Grube ist mit Abstand der größte Arbeitgeber der Region. Diese wiederum ist abhängig von Nachfrage und Preisniveau auf dem Weltmarkt, was schon in der Vergangenheit immer direkt auf die Stadt durchschlug: Hatte LKAB viele Angestellte, ging es auch anderen Branchen gut. Verkaufte LKAB schlecht und die Menschen suchen Arbeit anderswo, riss dies alles mit. Nun muss das Erz auch den Umzug finanzieren, nach dem Verursacherprinzip. Der Weltmarktpreis schwankte dabei allein in den vergangenen zehn Jahren zwischen mehr als 190 Dollar und weniger als 50 Dollar pro Tonne.

Hjalmar Lundbohmsgården

Der Hjalmar Lundbohmsgården an seinem ursprünglichen
Standort. Das Haus wurde in vier Teilen umgezogen.

Der Hjalmar Lundbohmsgården, erbaut 1895, gilt als eines der ältesten und schönsten Häuser der Stadt. Dort war zuletzt immer noch Lundbohms Arbeitszimmer zu sehen, man konnte dort Kaffee trinken und Feste feiern. Wie eine Reihe von ausgewählten Gebäuden, die den Bewohnern Kirunas am Herzen liegen, darf das Haus umziehen. Begleitet von einer Menschentraube wurde Ende September der erste Teil auf einem Tieflader abtransportiert zu seinem neuen Standort am Fuße des Luossavaara.

 

Mehr zu Kiruna:

Bildergalerien

Youtube-Video zum Umzug des Hjalmar Lundbohmsgården

Webseite der Kommune Kiruna

Webseite des Fotografen Kjell Törmä aus Kiruna. Kjell Törmä dokumentiert seit Jahren die Stadt und ihre Entwicklung und hat dazu bereits drei Fotobände herausgebracht.

Auch der Bergbauort Malmberget mit heute noch etwa 3500 Einwohnern, 120 Kilometer südlich von Kiruna  steht nicht mehr sicher. Fast alle sollen innerhalb der nächsten 20 Jahre umziehen – in den Nachbarort Gällivare: Malmberget und Gällivare: Aus zwei mach eins