Faszination Nordlicht – der Blick in den Weltraum

Nordlicht. Magisch. Keine Touristenbroschüre für den hohen Norden kommt ohne diese Vokabeln aus. Dazu perfekt fotografierte Lichterscheinungen. Kein Wunder also, dass jedes Jahr zahlreiche Menschen in den Norden pilgern, um genau das mit eigenen Augen zu sehen. Bilder in den sozialen Medien treiben die Erwartungshaltung zusätzlich nach oben.

Nordlicht

Nordlicht 20. März 2020, Gammelstad

Doch das Phänomen Nordlicht flackert jenseits der menschlichen Bedürfnisse – und wir sind weit entfernt von endgültigen wissenschaftlichen Erklärungen. „Ein großes Flipperspiel“ nennt Weltraumphysiker Urban Brändström das, was in großer Höhe vor sich geht.

Man kann das Nordlicht-Erlebnis nicht erzwingen, aber man kann seine Chancen optimieren. Dabei lohnt es sich, offen zu bleiben für das, was der Himmel in dieser Nacht bereit hält. Aurora Borealis hat viele Gesichter, und – nicht alle sind bunt. Schwarze Nordlichter sind wenig bekannt, nicht instagramtauglich und trotzdem umwerfend.

Was kann alles schiefgehen auf dem Weg zum Nordlicht-Erlebnis?

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  • Man kommt an an dem Ort, an dem es so tolles Nordlicht geben soll, und der Himmel ist bewölkt. Vielleicht regnet oder schneit es sogar. Keine Chance. Sieht man keine Sterne, sieht man auch keine Nordlichter.
  • Man verpasst die fünf Minuten, in denen sich das Nordlicht gezeigt hat, weil man gerade einen Film gesehen/ geschlafen/ aus anderen Gründen nicht aus dem Fenster gesehen hat oder weil es in den Massen von Kunstlicht einfach nicht aufgefallen ist.
  • Leute zeigen auf einen grauen Schleier am Himmel und behaupten, das sei Nordlicht, aber es sieht einfach nicht aus wie auf den Bildern.

Kamera und Augen sehen nicht dasselbe

Federicas Nordlicht

Trotz Überbelichtung  besser auf der Kamera zu sehen als mit den Augen. Schwaches Nordlicht, Gammelstad, Januar 2019

Die vielen tollen Bilder, die man von Nordlichtern zu sehen bekommt, sind in der Regel echt, inklusive der grünen Farbe. Trotzdem kann es sein, dass das erste Nordlicht, das man sieht, nur aussieht wie ein weißer oder grauer Schleier. Das liegt daran, dass menschliche Augen einfach schwaches Licht nicht so gut sehen können wie eine halbwegs brauchbare Digitalkamera mit geeigneter Belichtungszeit. Meine Mitbewohnerin Federica staunte über die Bilder, die ich von schwachem Nordlicht machte, während sie direkt neben mir stand. „Das ist nicht das, was wir sehen“, meinte sie. Die Bilder gefielen ihr trotzdem. Es ist auch sehr individuell, wie Menschen die Farben des Nordlichts wahrnehmen.

Lila Nordlicht

Violettes Nordlicht, das die Kamera auch besser gesehen hat. 17. April 2021, Piteå

Man kann sich diese Eigenschaft der Kamera für die Suche nach Nordlichtern zunutze machen. Ist man sich nicht sicher, ob der graue Schleier am Himmel ein schwaches Nordlicht ist oder bloß Wolken, reicht ein Foto, um das herauszufinden. Dazu stellt man den Autofokus aus und benutzt die Zeitautomatik. Zeigt das Display am Himmel einen grünlichen Schimmer, ist es Nordlicht, und es lohnt sich, einen besseren Platz aufzusuchen und den Himmel weiter zu beobachten. Zeigt das Display nur Grau, kann/muss man sich erst einmal anders beschäftigen.

Bei stärkeren Nordlichtern kann auch das menschliche Auge die Farbe besser wahrnehmen, doch vermutlich nicht dasselbe umfassende Spektrum. So war ich einmal zutiefst erstaunt, wie viel Lila mein Display zeigte. Mit bloßem Auge konnte ich das gar nicht sehen.

Nordlichter sind aber sehr viel mehr als nur etwas leuchtende Farbe am Himmel. Wer schon etwas geübt ist, erkennt auch schwache Erscheinungen schon an ihren Bewegungen, denn darin unterscheiden sich Nordlichter ganz deutlich von Wolken.

Eine Kamera kann schwache Nordlichter besser einfangen als das menschliche Auge. Wenn die grünen Flammen über den ganzen Himmel wabern und immer neue Formen bilden, können Kameras dies aber nur noch ausschnittweise abbilden. Es sei denn, man hat eine mega-leistungsfähige 360-Grad-Kamera. Aber man muss auch nicht alles festhalten. Man kann auch einfach nur genießen.

Was ist der beste Ort, um Nordlichter zu sehen?

Inari. Abisko. Lofoten. Island. Die Frage nach dem besten Ort für die Nordlichtbeobachtung wird jeder danach beantworten, wo er persönlich den größten Erfolg hatte. Und für jemanden, der seine Unterkünfte vermieten oder seine Touren verkaufen will, ist natürlich immer „sein“ Ort der beste.

Screenshot Aurora Forecast

Screenshot einer sehr schwachen Polarlicht-Vorhersage von NOAA. In einer solchen Nacht bekommen nicht viele Nordlicht zu sehen, aber der Verlauf des Polarlichtovals wird deutlich.

Wer extra in den Norden reisen will, um Nordlichter zu sehen, wird seine Chancen optimieren wollen. Erstes Kriterium ist deshalb ein Ort, an dem die physikalischen Voraussetzungen am besten sind – dem Polarlichtoval.

Das Polarlichtoval verläuft zwar ungefähr wie der Polarkreis, ist aber nicht am geografischen Nordpol/Südpol ausgerichtet, sondern etwas verschoben. Kommt sehr viel Energie von der Sonne, ist auch das Polarlichtoval eine sehr breite Zone, nach Norden wie nach Süden. Dann sieht man das Nordlicht auch in Orten wie Umeå oder Vaasa hoch am Himmel. Die besten Chancen liegen aber etwas nördlich des Polarkreises. Die meisten Prognosen beruhen auf den Daten des amerikanischen Weltraumwetter-Vorhersagezentrums von NOAA. Die Satellitenbilder geben einen deutlichen Eindruck davon, wo das Polarlichtoval gerade verläuft. Da es sich um ein Ereignis handelt, das hoch am Himmel verläuft, ist es aber auch von weiter weg zu sehen. Je größer die Aktivität, desto weiter südlich hat man auch noch was vom Polarlicht.

Was ist eigentlich Nordlicht?

Nordlichtbeobachtung DIY

Polarlichter sind unberechenbar. Auch bei starker Aktivität sind sie nicht einfach verlässlich da. Sie sind mal stärker und mal schwächer. Manchmal ist die Show nur kurz, mal kommt sie auch gar nicht.

Starke Nordlichter sind auch bei Vollmond und mitten in der Stadt hoch am Himmel zu sehen – wenn man denn aufblickt. Die Chancen, wirklich etwas zu sehen, verbessern sich aber enorm, wenn man sich an einem dunklen Ort befindet. Die Suche einem geeigneten Platz ist deshalb entscheidend.

Der Ort

Nordlicht Ende August

Erstes Nordlicht der Saison, 31. August 2019, Gammelstad

Südlich des Polarlichtovals, zum Beispiel in Luleå, ist möglichst dunkler Blick nach Norden wichtig. Ich hatte das Glück, dass es in der Nähe meiner Unterkunft in Gammelstad einen Wald gab, und darin einen Wasserlauf und eine Brücke darüber. Der Wald schirmte das Licht aus der nahen Siedlung und der Straße ab. Von der Brücke aus konnte ich über das Wasser nach Norden sehen. Von dieser Brücke aus sah ich auch schwache Nordlichter, die ich zwischen den Häusern nie wahrgenommen hätte. Solange das Wasser noch nicht zugefroren war, spiegelte sich das Nordlicht außerdem darin. Störend war nur die Beleuchtung des Geh- und Radwegs. Wenn das Eis hielt, habe ich auch oft vom Luleälv aus über den Wald hinweg fotografiert.

Unter dem Polarlichtoval selbst ist die Himmelsrichtung nicht so entscheidend. Tatsächlich können die Lichter auch mal im Süden erscheinen.

Die Zeit

Screenshot Polarlicht App

Nur eine geringe Chance in dieser Nacht – und dann auch noch bewölkt! Screenshot einer Polarlicht-App.

Den richtigen Platz kann man sich vorher suchen, auf den richtigen Moment kann man nur warten. Prognosen helfen, die Lage einzuschätzen, können aber nur Wahrscheinlichkeiten abgeben. Der „Nordlicht-Schleier“ zieht mit der Erddrehung von Ost nach West. Er lässt sich bei NOAA verfolgen oder auch über Prognose-Apps. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Chancen am größten sind, wenn der Schleier gerade über dem Gebiet eintrifft und an Intensität noch zunimmt – also meist irgendwann zwischen 20 Uhr und Mitternacht. Ausnahmen gibt es natürlich immer! Wer zu früh an seinem dunklen Platz ist, ist vielleicht schon müde und verfroren, wenn die Show richtig losgeht. Man sollte sich in jedem Fall ordentlich warm einpacken. Ein warmes Getränk und eine Sitzmöglichkeit machen das Warten erträglich. Wer zu spät kommt, verpasst die Show!

Schwache Polarlichter können schon mal im starken Mondlicht untergehen, erst recht, wenn der Schnee dieses auch noch reflektiert. Und die stärkste Aktivität nützt einem nichts, wenn der Himmel voller Wolken ist.

Anleitung für Nordlichtjäger

Was bringt eine Nordlichttour mit einem Veranstalter?

Das Nordlicht scheint für alle. Es ist auch dasselbe Nordlicht, das im Nachbarort zu sehen ist, sofern nur der Himmel klar ist. Was hilft es dann, eine Tour mit einem Veranstalter zu buchen? Kann man die Lichter nicht genauso vom Hotel aus sehen? Und worauf sollte man achten, wenn man eine Tour bucht?

Abisko Norrsken

Nordlicht über der Turiststation in Abisko. 5. Januar 2017

Die Städte im Norden sind alle sehr gut elektrisch beleuchtet – das Leben soll ja auch in der dunklen Zeit weitergehen. Dass man direkt vor dem Hotel einen dunklen Himmel hat, ist deshalb die Ausnahme. Nordlichttouren bieten Touristen ohne Fahrzeug die Chance, an dunkle Orte zu kommen, von denen aus man besser sehen kann. Die Guides kennen auch die geeigneten Stellen in der Umgebung. Sie studieren außerdem die Wettersituation und wissen, ob es sich lohnt, ein Stück weiter zu fahren, wenn der Himmel bedeckt ist – anderswo sind vielleicht weniger Wolken und ein besserer Blick.

Céline Lalubie führt Touristengruppen in Tromsø und Umgebung. Ihrer Erfahrung nach sind die Chancen gut, bei einem einwöchigen Aufenthalt dort Polarlichter zu sehen, wenn man sich in die Hände von Profis begibt – es sein denn, man hat massives Pech mit dem Wetter. Ihr Tipp: „Veranstalter wählen, die mit kleinen Fahrzeugen unterwegs sind, denn die können überall halten.“ Touren in großen Bussen seien oft günstiger, fänden aber nicht immer geeignete Parkplätze, „und dann ist das Polarlicht vorbei.“

Celine Lalubie

Céline Lalubie im Nordlicht bei Tromsø. Foto privat

Was ebenfalls für geführte Touren spricht, zumindest für diejenigen, die noch nie Polarlichter gesehen haben: In der Regel können die Guides gut erklären und man wartet in Gemeinschaft auf das erste Flackern. „Die bieten Kakao und Kekse an und immer mehr haben Feuerkörbe, das ist nicht so hell“, berichtet Céline. Und nicht zuletzt: Viele können Tipps geben, wie man das Nordlicht am besten fotografiert, und machen sogar Fotos von ihren Gästen vor dem Nordlicht. „Das ist eine tolle Erinnerung!“ Noch ein Tipp von Céline: Ist man flexibel und will seine Chancen erhöhen, bucht man eine Nordlichtreise nicht unbedingt zur Zeit des Vollmonds!

Nordlicht erleben: Jedes Mal anders

Jedes Nordlicht-Erlebnis ist anders. Mal freut man sich, dass man überhaupt einen grünen Schimmer erwischt, mal wird man mit einem Feuerwerk über den ganzen Himmel belohnt. Manchmal verhindern Wolken, dass man das Schauspiel sieht, aber die ganze Atmosphäre ist geladen. Es gibt auch Nordlicht, das rhythmisch blinkt, und es gibt „schwarzes“ Nordlicht. Letzteres folgt oft auf ein „normales“ Ereignis – und ist zwar wenig bekannt, aber gar nicht so selten. Dabei handelt es sich um dunkle Strukturen, die man nur vor dem Hintergrund diffusen hellen Nordlichts überhaupt wahrnehmen kann. Urban Brändström vom Institut für Weltraumphysik in Kiruna, ist Spezialist für dieses Phänomen: „Dass es so schwer zu entdecken ist, liegt hauptsächlich daran, dass das Phänomen sehr lichtschwach ist und ein gutes Nachtsehen und die Abwesenheit von Lichtverschmutzung erfordert.“