Rundgang durch Reykjavík mit Jón Gnarr

Island. Bei einem Island-Aufenthalt kann man viel Geld ausgeben.  Die Stadtführung, die Reykjavik Unplugged nun anbietet, ist auch kein Schnäppchen: umgerechnet 3990 Euro für eine  Gruppe bis zu fünf Personen, also bei voller Besetzung 798 Euro pro Nase. Die größte Attraktion dabei ist der Guide selbst: Jón Gnarr war Komiker, Bürgermeister von Reykjavik und hat  mehrere Bücher veröffentlicht.

Jón Gnarr

Jón Gnarr. Foto Dontworry/CC BY-SA 30

„From Punk to Politics“ heißt das Motto der drei- bis vierstündigen Runde, bei der Jón Gnarrs individuelle Perspektive die Route bestimmt. Deshalb wird ein Punkt wohl der frühere Busbahnhof Hlemmur sein, wo Jón Gnarr als junger Punk abhing.  Heute ist dort eine Art Markthalle mit kleinen Restaurants.  Starten wird die Tour vermutlich am Gästehaus Höfði, wo sich einst Ronald Reagan und Michail  Gorbatschow trafen. Und sicher wird auch das Reykjaviker Rathaus dabei sein – der Ort und das Amt, das den Isländer weltweit berühmt machten.

Offene statt verdeckte Korruption, Gratis-Handtücher für alle in den Schwimmbädern und  einen Eisbären für den Zoo – so lauteten die Versprechungen, mit denen Jón Gnarr und seine Freunde bei der Kommunalwahl  2010 Werbung für ihre neu gegründete Spaßpartei „Besti flokkurinn“, „Beste Partei“, machten. Und gleichzeitig versprachen, jedes Versprechen zu brechen.

„From Punk to Politics“

Höfði

Reykjavíks berühmtes Gästehaus Höfði – Start der Tour.

Die Reykjaviker hatten nach der Finanzkrise die Nase voll von den etablierten Parteien,  Gnarr war aus Funk und Fernsehen sowie als Autor bekannt. Die Spaßpartei wurde mit 34,7 Prozent stärkste Kraft. Und der Komiker, einst ein schwer erziehbarer Schulabbrecher,  wurde Bürgermeister. Nach vier Jahren Realpolitik mit schwierigen Entscheidungen, aber auch mit einem neuen Stil und neuen Ideen für die Stadt wie einer Online-Bürgerplattform, hörte er auf, obwohl Umfragen ihm eine noch größere Mehrheit versprachen. „Ich bin einfach kein Politiker, sondern Comedian. Ich will wieder Bücher schreiben und spielen“ zitierte ihn die SZ damals.

Tatsächlich schrieb er Bücher, unter anderem über seine Zeit als Bürgermeister („Hören Sie gut zu und wiederholen Sie: Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte“). Auch seine Jugenderinnerungen, „Der Outlaw: Eine isländische Jugend am Rande der Gesellschaft“, sind inzwischen ins Deutsche übersetzt.

Er war aber auch unter anderem Writer in Residence am Center for Energy and Environmental Research in the Human Sciences  der Rice-Universität in Houston, Texas. Dort wurden neue Ideen gesucht, wie sich das Problem des Klimawandels vermitteln lässt.

Die Beste Partei ist aufgelöst

Inzwischen ist die Familie nach Island zurückgekehrt. Die „Beste Partei“ ist aufgelöst, der als Nachfolgerin gegründeten „Björt framtið“, „Helle Zukunft“, geht es nicht besonders gut. Jón Gnarr ist inzwischen bei seinem früheren Koalitionspartner, „Samfylkingin“, den Sozialdemokraten, eingetreten, plant aber bisher keine weitere politische Karriere.

Wer sich auf die Stadtführung einlässt, kann dort die Fragen loswerden, die er dem Ex-Punk und Ex-Politiker schon immer mal stellen wollte. Essen und Transfer ist im Preis inbegriffen, man möge nur „warm genug angezogen sein“, so der Wunsch des Veranstalters.

 

 

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