Bodøs Flugplatz rückt beiseite – für einen neuen Stadtteil

Bodø. Die Startbahn von Bodø soll 900 Meter weiter ziehen – und Platz machen für einen komplett neuen Stadtteil. Diese Idee wird nun immer konkreter. Ein erster Vertrag zwischen Stadt, Flughafengesellschaft und Luftwaffe ist bereits unterzeichnet.

Bodø

Bodø. Foto Dagmar Hemmie

Der Flughafen von Bodø ist der zweitgrößte in Nordnorwegen mit zuletzt 1,8 Millionen Passagieren im Jahr. Seine Startbahn hat eine Länge von 2794 Metern und reicht deshalb auch für größere Flugzeuge.  Er war seit seinem Bau in den 1950er Jahren sowohl zivil als auch militärisch genutzt worden. Im Sommer 2016 gab die Luftwaffe den Betrieb  an die staatliche norwegische Flughafengesellschaft Avinor ab. Zwei NATO-Jagdflugzeuge werden dort allerdings auch noch weiter in Bereitschaft stehen, bis der neue Stützpunkt in Evenes, 300 Kilometer weiter nördlich, komplett fertig ist.

Die Startbahn müsste in den nächsten Jahren saniert werden, wie NRK berichtet, die viele zurückgelassene Anlagen werden für den rein zivilen Betrieb gar nicht benötigt. So entstand die Idee, die Startbahn 900 Meter zum Wasser hin zu verschieben – und auf diese Weise Platz für einen neuen Stadtteil freizumachen, auf norwegisch – „ny by, ny flyplass“. Bisher nahm der Flugplatz auf der Landspitze breiten Raum ein. Rund 2500 Wohnungen könnten dort gebaut werden.

Kosten für den Umzug: 500 Millionen Euro

Die Kosten für das Projekt werden bisher mit umgerechnet rund 500 Millionen Euro beziffert. Knapp die Hälfte davon, 240 Millionen Euro, wurden bereits im norwegischen Verkehrsplan dafür reserviert. Darin ist auch die Beseitigung von Umweltverunreinigungen enthalten. Der neue Flugplatz soll weiterhin mit einer Startbahn ausgestattet sein, die auch Transatlantikflüge ermöglicht, im neuen Terminal sollen 2,5 Millionen Passagiere im Jahr abgefertigt werden können.  Der neue Flugplatz soll zwischen 2024 und 2026 fertig werden.

Bodø, Hauptstadt der Region Nordland, hat aktuell rund 51 000 Einwohner. Es ist die zurzeit letzte Station des norwegischen Bahnnetzes im Norden, Anlaufstelle der Hurtigruten sowie Ausgangspunkt für lokale Schiffe zu den Lofoten.

Der Flughafen mit dem meisten Passagierverkehr in Nordnorwegen ist aktuell Tromsø 2,2 Millionen im vergangenen Jahr). Der neue Flughafen Narvik/Harstad in Evenes, der sowohl zivil als auch militärisch genutzt wird, hatte im vergangenen Jahr 754 600 zivile Passagiere.

Mehr zum Flugverkehr im Norden:

Ab in den Norden – gerne mit dem Flugzeug

Die Lage von Bodø:

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Bitcoin, der isländische Stromverbrauch und der Stecker im Vulkan

Island.  Droht den Isländern Strommangel wegen Bitcoin? Manche Schlagzeilen der vergangenen Tage legen dies nahe, zum Beispiel im Spiegel. Auslöser war, dass der Sprecher des Energieunternehmens HS Orka zu AP sagte, er rechne damit, dass die Datenzentren für Kryptogeld in diesem Jahr mehr Strom verbrauchen werden als die isländischen Haushalte.

Gunnuhver

Thermalgebiet Gunnuhver mit Kraftwerk, Reykjanes

 840 Gigawattstunden für Computeroperationen – diese Zahl nannte der Sprecher gegenüber BBC – klingen  viel für eine 340 000-Einwohner-Insel und entsprechen tatsächlich dem  Verbrauch der Haushalte 2016. Doch der Privatverbrauch macht ohnehin nur einen  Bruchteil  der mehr als  18 000 Gigawattstunden Strom aus, die auf der Insel bereits erzeugt werden. Wie auch bei Morgunblaðið vor wenigen Monaten nachzulesen war, gingen 2016 allein zwei Drittel des isländischen Stroms in die drei großen Aluwerke (Alcoa, Norðurál, Rio Tinto).  Nur 1,2 Prozent (218 Gwh) verbrauchten 2016 die Datenzentren (isl. Gagnaver). Insgesamt gingen 2016 77,3 Prozent an Großverbraucher. Die restlichen 22, 7 Prozent teilten sich Privathaushalte, Landwirtschaft, kleine Unternehmen, Fischindustrie und Dienstleister.

Zwei Drittel des Stroms nur für Alu

Diese Struktur ist Folge des isländischen Industriepolitik der vergangenen Jahrzehnte. Politiker warben weltweit mit extrem günstigen Preisen aus erneuerbaren Energiequellen mit dem Ziel, Unternehmen anzuziehen und Arbeitsplätze zu schaffen. Der isländische Schriftsteller und Umweltaktivist Andri Snær Magnason schildert dies in seinem Buch „Traumland“ („Draumalandið“). Das Ergebnis war die Ansiedlung der energieintensiven Aluindustrie samt ihrer Nebenwirkungen. So kommt es, dass Island das Land mit dem höchsten Stromverbrauch pro Kopf ist. Die Energie steckt im Alu.

Þorsá

Þorsá, Búrfell, Trollkonuhlaup. Vor dem Bau
des Kraftwerks führte der Fluss mehr Wasser.

Dass der Strom auf Island zu 99,9 Prozent aus erneuerbaren Energien erzeugt wird, heißt nicht, dass dies keinen Preis hat. „Man kann nicht einfach einen Stecker in den Vulkan stecken“, sagte Magnason einmal bei einer Pressekonferenz gemeinsam mit Björk, als er für die Einrichtung eines Nationalparks im Hochland warb. Auch der Bau von Wasserkraftwerken oder Anlagen zur Geothermie greifen in die Natur ein. Besonders umstritten war der Bau des Kárahnjúkar-Staudamms.

Datenzentren sind nun offenbar „das neue Alu“. Nicht nur, dass der Strom auf Island billig ist, bei der Kühlung der Server hilft auch noch das örtliche Klima. Mit ähnlichen Argumenten hat Facebook seinen ersten Server außerhalb den USA im nordschwedischen Luleå angesiedelt.

Die Zukunft hängt von den Großen ab

Wie groß sind die  Kapazitäten der isländischen Stromerzeugung also noch?  HS Orkas Geschäftsführer sagte zu Morgunblaðið, er habe schon Leute abweisen müssen, die mit ihren Rechenzentren nach Island ziehen wollten, weil er den Strom nicht habe. Doch entscheidend dürfte sein, wie sich die großen Firmen in den nächsten Jahrzehnten entwickeln. Was, wenn eine schließen muss? Die Geschäftsführer von Landsvirkjun und von Orkuveita Reykjavíkur, zwei weiteren Energieversorgern, halten dies durchaus für möglich. Dann gäbe es plötzlich Strom im Überfluss. 

Pläne für neue kleine und mittlere Kraftwerke sind in der Entwicklung, ob sie tatsächlich umgesetzt werden, wird letztlich eine politische Entscheidung sein. Ebenso, wie Unternehmen wie Bitcoin dazu herangezogen werden können, auch etwas für Island zu leisten, wie Piraten-Politiker Smári McCarthy in einer Serie  Tweets darlegte. Das isländische Wort für Kryptogeld heißt übrigens „rafmynt“- etwa: „Strom-Münze“.

Nachtrag: Andri Snær Magnason auf Twitter zu Bitcoin:

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Island: Gemeinde sagt Nein zu Luxushotel am Nationalpark Þingvellir

Island. Fünf-Sterne-Hotel, 18-Loch-Golfplatz, Angestelltenunterkünfte  und Restaurant. Plus günstiges Hotel, Infozentrum und Campingplatz. Diese Idee war dem Gemeinderat von Bláskógabyggð am See Þingvallavatn zu groß. Die Umsetzung war zwar nicht  im Gebiet des Nationalparks Þingvellir geplant, aber direkt daneben am westlichen Ufer des Sees. Darüber berichtete unter anderem RÚV.

Þingvellir

Þingvellir

Täglich besuchen zahlreiche Touristen den Nationalpark Þingvellir – der historischen Örtlichkeit und der dramatischen Geologie wegen. Seit das Hotel Valhöll 2009 abbrannte, gibt es aber kein Hotel mehr in der Gegend, nur einen Campingplatz. Die Nachfrage wäre also da.  Dieses Projekt passe aber nicht in die Landschaft und nicht in die Nähe des Nationalparks, erklärte des Vorsitzende des Gemeinderats, Helgi Kjartansson, den Reportern von RÚV.

Die Gemeinde will die Tür aber nicht komplett zuschlagen und könnte sich gegenüber einem kleineren Projekt durchaus offen zeigen. Allerdings müsse vorher geklärt werden, ob auf der angedachten Fläche  überhaupt gebaut werden dürfe, da sie im Wasserschutzgebiet liegt. Man habe den Eignern geraten, sich zuerst an die Umweltbehörde zu wenden, so der Vorsitzende. Hinter den Hotelplänen stand ein isländisches Paar.

Allmannagjá

Allmannagjá

Þingvellir ist Islands ältester Nationalpark (seit 1928) und auch UNESCO-Welterbe (seit 1972). Zum einen ist es der Platz, wo die Isländer sich nach der Landnahme zur Volksversammlung trafen, sowohl, um Gesetze zu schaffen, als auch, um Gericht zu halten. Das „Alþingi“ gehörte zu den ältesten Parlamenten der Welt. Es wurde später von den Dänen aufgelöst.

Der geschichtsträchtige Ort befindet sich an einer auch geologisch interessanten Stelle: Dort driften die amerikanische und die eurasische Erdplatte auseinander. Spuren davon kann man im ganzen Gebiet sehen. Die Allmannagjá (Allmännerschlucht) ist besonders auffällig. In der Silfra-Spalte kann man in eiskaltem, aber klarem Wasser im Trockenanzug „zwischen den Platten“ tauchen oder schnorcheln.

Mehr zu isländischen Nationalparks:

Island: Kommt der Nationalpark Hochland?

 

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Rekord-Minus für das Januar-Eis in der Arktis

Noch wächst das arktische Eis wieder Monat für Monat – schließlich ist es Winter. Das Maximum wird üblicherweise im März erreicht. Das Dänische Meteorologische Institut (DMI) meldet nun einen Zwischenstand: Noch nie seit Beginn der Satellitenüberwachung 1979 gab es im Januar weniger Eis.

Eis in der Arktis

Wasser statt Eis: Je röter, desto stärker
ist die Abweichung vom Vergleichswert.
Quelle: DMI

Minus 20 Grad am Nordpol klinge zwar kalt, sei aber zehn Grad wärmer als der Durchschnittswert der früheren Vergleichsperiode.  „Wenn es in der Arktis warm ist, wie es das vergangene halbe Jahr war, hat das Eis schlechte Wachstumsbedingungen. Das bedeutet, dass die Fläche klein ist, aber auch, dass das Eis dünn ist“, erklärt Rasmus Tonboe, Eisforscher am DMI, auf der Internetseite des Instituts.

13,58 Millionen Quadratkilometer Eis maßen die Wissenschaftler Ende Januar. Tonboe bezweifelt, ob es noch reicht, um das durchschnittliche  Wintermaximum von 15 Millionen Quadratmetern im März zu erreichen.

Die Temperaturveränderungen sind dabei ungleich verteilt: Vor allem in der Barentssee und in der Beringsee fehle das Eis im Verhältnis zu einem normalen Jahr. Dünner sei es außerdem in der Beaufortsee nördlich von Kanada und Alaska.

Meer Eis

Meereis, Januar 2018. Quelle NSIDC

Tonboes Kollegen vom amerikanischen National Snow and Ice Data Center kommen zum selben Ergebnis. Der Winter hatte schon zögerlich angefangen: Ende November war die Tschuktschensee, das Meer nördlich der Beringstraße, noch offen.

Dass auf der Barentssee das Eis fehlt, merkt man auf Spitzbergen: Dort setzt sich der Trend zu wärmeren Temperaturen fort. Im Januar betrug der Durchschnittswert nach den Aufzeichnungen des norwegischen Wetterdienstes Yr -5,5 Grad – an einem Ort knapp unterhalb des 80. Breitengrades, in einem Monat, wo die Sonne gar nicht über den Horizont kommt. Erst am 15. Februar erscheint sie wieder. Trotzdem stieg das Thermometer im Januar auf bis zu sechs Plusgrade, der tiefste Wert lag bei -19,2 Grad. Wetteraufzeichnungen für die Inselgruppe reichen mehr als 100 Jahre zurück. Vor 2004 lagen die monatlichen Durchschnittstemperaturen für Januar nur selten im einstelligen Bereich. Das hat sich deutlich geändert.

Während es auf Spitzbergen jetzt öfter regnet statt friert und Eisbären Probleme bekommen, sich mit Nahrung zu versorgen, sind sinkende Wintertemperaturen in Osteuropa und den mittleren Breiten Asiens beobachtet worden. Wissenschaftliche Studien sehen einen Zusammenhang mit zunehmenden Anomalien des Polarwirbels, also des Bandes von starken Westwinden in der Stratosphäre um die Arktis, zu denen auch Faktoren wie weniger Meereis im Bereich der Barentssee und Karasee beigetragen haben könnten.

 

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Saubere Luft dank fossilfreiem Schweden-Stahl?

Schweden. Der schwedische Stahlhersteller SSAB ist der größte Luftverschmutzer des Landes. Gemeinsam mit dem Bergbauunternehmen LKAB und dem Energieriesen Vattenfall hat SSAB jedoch ein neues Verfahren erarbeitet, mit dem der komplette Prozess ohne fossile Energieträger auskommen würde. Dadurch würde der CO2-Ausstoss von Schweden um zehn Prozent und der von Finnland um sieben Prozent sinken.

Hochofen

Hochofen. Foto Hugo Lejon/SSAB

580 000 Tonnen Kohle, antransportiert aus Ländern wie Australien,  verbraucht SSAB jährlich für die Produktion in den Hochöfen von Luleå, Oxelösund (Schweden) und Raahe (Finnland), wie SVT berichtet. Sie wird als Reduktionsmittel benötigt, als Abfallprodukt entsteht CO2 – weshalb SSAB trotz ständiger Neuerungen immer noch allein für zehn Prozent des CO2-Ausstoßes des Landes verantwortlich ist.

Das soll sich ändern: Die drei Unternehmen haben gemeinsam ein neues Verfahren entwickelt, mit dem die Kohle bei der Reduktion durch Wasserstoff ersetzt werden soll. Der Wasserstoff soll mit Hilfe erneuerbarer Energien erzeugt werden, wie es sie in Nordschweden bereits gibt und noch ausgebaut werden soll (Wasserkraft, Windkraft). Als Abfallprodukt würde dann nur Wasser entstehen.

In diesem Jahr sollen die Arbeiten für Pilotanlagen in Luleå sowie rund 250 Kilometer nordwestlich davon, im Erzabbaugebiet („Malmfälten“) beginnen, heißt es in Pressemitteilungen sowohl von SSAB als auch von LKAB. Umgerechnet rund 2 Millionen Euro soll die Umsetzung kosten. Die Hälfte davon übernimmt die schwedische Energiebehörde, den Rest teilen sich die Firmen. Das Projekt heißt HYBRIT  (Hydrogen Breakthrough Ironmaking Technology)

Stahl

Stahlherstellung. Foto Karoliina Krook/SSAB

„Fossilfreie Stahlproduktion beginnt schon im Bergwerk. Aktuell arbeiten wir intensiv daran, wie die nächste Generation von Pelletanlagen aussehen wird, und ebenso, wie ein zukünftiges elektrifiziertes und noch stärker automatisiertes Bergwerk gestaltet werden sollte“ so Jan Moström, Geschäftsführer von LKAB, Europas größtem Erzabbau-Unternehmen.

Die Erprobung der neuartigen Stahlherstellung und die Umstellung der Gesamtproduktion  wird einige Jahre in Anspruch nehmen. Die HYBRIT-Gesellschafter rechnen mit fossilfreiem Stahl ab 2045. Schon vorher soll aber der CO2-Ausstoß der drei Hochöfen verringert werden. Das Projekt ist ein wichtiger Baustein bei Schwedens Bemühungen, die in Paris festgelegten Klimaziele zu erreichen.

Das fossilfreie Produkt, darauf weisen die Unternehmen hin, werde bei den heutigen Preisen etwa 20 bis 30 Prozent teurer sein. Sie setzen allerdings auf sinkende Strompreise und steigende Kosten für CO2-Emissionen. Eine Vorstudie hatte gezeigt, dass die fossilfreie Stahl-Variante wettbewerbsfähig sein würde. SSAB-Chef Martin Lindquist hät es für eine Zukunftstechnologie. Zurzeit gehen allein sieben Prozent der CO2-Emissionen weltweit auf die Stahlherstellung zurück.

So soll es funktionieren – die Werbung für HYBRIT:

 

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Filmmusik-Komponist Jóhann Jóhannsson gestorben

Island/Berlin. Der isländische Komponist Jóhann Jóhannsson ist am Freitag tot in seiner Wohnung in Berlin gefunden worden. Das machte sein Manager öffentlich.  Jóhannsson war erst 48 Jahre alt.  Er komponierte zunächst Musik für isländische Filme. Dann wurde er auch international damit erfolgreich und erhielt unter anderem einen Golden Globe für den Soundtrack zu „Die Entdeckung der Unendlichkeit“. Jóhann Jóhannsson war auch für die Musik von „Trapped – Gefangen in Island“ verantwortlich, die in vielen Ländern, darunter  Deutschland, ausgestrahlte Thriller-Serie seines Landsmannes Baltasar Kormákur. Die Polizei ermittelt in dem Fall.

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Das Mädchen Alex und das isländische Namensrecht

Island. Die restriktive Praxis der isländischen Namensbehörde macht gerade wieder Schlagzeilen auf der Insel. Ein Elternpaar will  vor Gericht ziehen, weil ihre inzwischen vierjährige Tochter nicht Alex Emma heißen darf. Zurzeit ist sie bei den Behörden als „stúlka“ („Mädchen“) eingetragen. Darüber berichtete Morgunblaðið.

Namensbehörde

Screenshot aus der Liste zulässiger Namen.
Quelle Mannanafnanefnd

Die Namensbehörde (Mannanafnanefnd) hatte den Namen Alex für ein Mädchen abgelehnt, weil dieser auf Island als Jungenname etabliert sei. Alexa, Alexis und sogar Alexstrasa wären erlaubt. Wer seinem Kind einen Namen geben will, der noch nicht im Verzeichnis der Behörde aufgenommen worden ist, muss dies extra beantragen. Beurteilt wird unter anderem, ob der Name sich nach den isländischen Grammatikregeln beugen lässt und ob er eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden kann. An ersterem scheiterte vor einigen Jahren eine Harriet, an letzterem nun die Eltern mit dem Mädchen Alex.

Die Namensbehörde musste sich aber schon früher Gerichtsurteilen beugen, auch wenn dies von den Eltern einen langen Atem verlangt, wie Islandsbloggen in Erinnerung ruft: Nach langem Rechtsstreit bekam das Mädchen Blær Bjarkardóttir, inzwischen 15, einen Ausweis mit eben diesem Namen, der bisher nur für Jungen galt. Sogar eine weibliche Figur aus Halldór Laxness´“Fischkonzert“ musste als Argument herangezogen werden. Die bisherigen Mädchennamen Auður und Elía dürfen inzwischen auch für Jungen genutzt werden.

Die Kinder Harriet und Duncan aus eine britisch-isländischen Familie habe inzwischen auch ihre Pässe mit richtigen Vornamen – in die Liste aufgenommen wurden diese aber nicht.

Jón Gnarr

Jón Gnarr. Foto Dontworry/CC BY-SA 30

Auch um Nachnamen gibt es immer wieder Ärger. Prominentester Streiter war Jón Gnarr, unter diesem Namen bekannt als Komiker und als Bürgermeister von Reykjavík. Gnarr war aber offiziell nur sein Mittelname. Anders als in den meisten anderen Ländern gibt es auf Island keine Familiennamen: Ein Kind erhält einen Vornamen und bekommt dann einen Nachnamen, indem an den Vornamen von Vater oder/und Mutter -son oder -dottir angehängt wird (Patronym oder/und Matronym). Bei ausländischen Behörden kann es zu Verwirrung führen, wenn Eltern und Kinder komplett unterschiedlich heißen. Nur Ausländer und Familien, in denen der Familienname einer historischen Tradition entstammt, tragen Nachnamen, wie sie anderswo auch üblich sind.

Gnarr wollte seinen Vatersnamen Kristinsson auch offiziell loswerden und seinen Kindern Gnarr als Familiennamen geben. Neue Familiennamen sind auf Island aber nicht erlaubt. Gnarr änderte seinen Namen dann während eines Auslandsaufenthaltes der Familie in den USA. Doch es dauerte, bis dies auch die isländische Behörde anerkannte.

Anläufe, die Gesetz für diese restriktive Praxis zu ändern, gab es in den vergangenen Jahren schon. Doch die jüngsten Regierungen hielten alle nicht lange, seit den letzten regulären Wahlen 2013 waren die Isländer noch zweimal zu den Urnen gerufen worden. Seit dem vergangenen November ist nun Katrín Jakobsdóttir Premierministerin. Möglicherweise beschleunigt die Diskussion um „Alex“, die zuletzt sogar im Parlament geführt wurde,  die Umsetzung  der früheren Pläne.

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Grönland: Hof Erik des Roten ist jetzt UNESCO-Welterbe

Grönland. Landwirtschaft auf Grönland? Das gibt es tatsächlich, und zwar schon seit Jahrhunderten. Die UNESCO hat die Zeugnisse dieser sehr speziellen Kultur vergangenes Jahr als „Kujataa auf Grönland: eine nordische und Inuit-Agrarlandschaft am Rand der Eisdecke“ auf die Welterbeliste aufgenommen.

Tasiusaq

Tasiusaq: Blick auf Schaffarm und Fjord.
Foto Mads Pihl /Visit Greenland

Das offizielle UNESCO-Zertifikat ist gerade erst auf Grönland angekommen und wurde nun von der grönländischen Kultusministerin Doris Jensen an die Bürgermeisterin der Kommune Kujalleq, Kiista Isaksen, übergeben.  In dieser südlichsten aller grönländischen Kommunen liegen die fünf Gebiete, die nun gemeinsam als  Welterbe ausgezeichnet wurden: Qassiarsuk, Igaliku, Sissarluttoq, Tasikuluulik und Qaqortukulooq-Upernaviarsuk.

Dort finden sich die Hinterlassenschaften der nordeuropäischen Siedler, die sich mehr als 500 Jahre dort hielten und Ackerbau und Viehzucht betrieben, soweit dies das Land eben zuließ. Ihnen folgten nach einer Zeit der Brache Inuit, die die Tradition auf ihre Weise fortführten. „Die landwirtschaftlichen Traditionen dieser beiden Kulturen belegen ihre Anpassungsfähigkeit an die arktischen Klimabedingungen und zeugen von einem tiefen Verständnis ihrer Umgebung, welche es ihnen ermöglichte, fruchtbare Landflächen für den Anbau von Getreide und Futtermitteln zu finden und geeignete Weideflächen zu identifizieren“, heißt es auf der deutschen UNESCO-Seite zur Begründung für die Auswahl.

Die Auswanderer betreiben Landwirtschaft

Langhaus

Rekonstruiertes Langhaus der nordeuropäischen Siedler.
Foto Mads Pihl/ Visit Greenland

Die Geschichte beginnt Ende des 10. Jahrhunderts mit einem sehr bekannten Namen: Erik dem Roten.  Wie die gleichnamige Saga ausführt, war er wegen Mordes aus Island ausgewiesen worden und plante die Ansiedlung in diesem Land, das er entdeckt und „Grünes Land“ getauft hatte, weil er meinte, dass eine solch verlockende Bezeichnung diese Destination für mögliche Begleiter attraktiver machen würde. Im Original heißt es: „Þat sumar fór Eiríkr at byggja land þat, er hann hafði fundit ok hann kallaði Grænland, því at hann kvað menn þat mjök mundu fýsa þangat, ef landit héti vel.“

Auch wenn der Name  offenbar mehr ein PR-Coup war, hatte Erik doch einen Ort mit vergleichsweise günstigem Binnenklima entdeckt. Reste seines Hofes Brattahlið sind im heutigen Qassiarsuk zu finden. Im heutigen Igaliku befinden sich die Reste des Bischofssitzes von Garðar, bei Qaqortoq die Ruine der Kirche von Hvalsey. Rund 500 Jahre hielten sich die Siedler mit bis zu 3000 Einwohnern an Grönlands Westküste, bis  Mitte des 15. Jahrhunderts niemand mehr dort anzutreffen war.

Was geschah mit den Siedlern?

Hvalsey

Ruine der Kirche von Hvalsey.
Foto Mads Pihl/ Visit Greenland

Erklärungsansätze dafür gibt es viele. Der amerikanische Wissenschaftler Jared Diamond nimmt die grönländischen Siedler in seinem Buch Kollaps als Beispiel für eine Gesellschaft, die untergeht, weil sie sich nicht anpasst. Sie hätten angesichts des kälter werdenden Klimas auf ihre alte Ackerbaukultur beharrt und es ruiniert, anstatt wie die Inuit Robben zu jagen, und seien deshalb verhungert.

Neuere Forschungen widersprechen dieser Theorie. So waren die Siedler sich offenbar keineswegs zu fein, um Meerestiere zu jagen und zu essen, sie trieben Handel mit den Stoßzähnen der Walrosse und waren aber gleichzeitig sehr geschickt darin, ihr Land nachhaltig zu bewirtschaften. Neue Theorien  wie im Spiegel oder in Science vorgestellt, gehen davon aus, dass die „Grönländer“  nach Island oder Europa ging, als die Handelsbeziehungen schlechter wurden.

Die Inuit übernehmen die Ruinen

Kartoffeln

Kartoffeln in der Versuchsstation Upernaviarsuk, Südgrönland.
Foto Mads Pihl /Visit Greenland

Die späteren Inuit-Siedler ab dem 18. Jahrhundert  nutzten teilweise die alten Anlagen und schufen ihre eigene Anbaukultur als Ergänzung zur Jagd.  Bis heute wird dort vor allem Schafzucht betrieben. Doch auch die Möglichkeiten des Ackerbaus sind im Zuge des Klimawandels gestiegen: Während das Eis schmilzt, wachsen in Südgrönland Kartoffeln und Erdbeeren. Wissenschaftler testen, welche Pflanzen inzwischen dort erfolgreich sind und zur Ernährung der Bevölkerung beitragen könnten.

Der UNESCO-Titel wiederum soll noch mehr Besucher nach Südgrönland locken.  Erste Reiseveranstalter haben bereits spezielle Touren zu den UNESCO-Stätten im Angebot.

Fotos von Grönlands erstem UNESCO-Gebiet, Ilulissat Eisfjord, gibt es zurzeit in der Galerie.

Hier ein Video von VisitGreenland zu Ilulissat und Kujataa.

 

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Auf Fischfang in der Barentssee – am Computer

Norwegen. Stellen Sie sich vor, Sie erben ein altes Boot von Ihrem Großvater. Verkaufen? Feierabend-Angeln? Oder auf Erfolg im Fischereigeschäft setzen und es irgendwann gegen ein größeres eintauschen? Auf diesen Ehrgeiz baut das Computerspiel „Fishing: Barents Sea“. Der Entwickler kommt selbst aus Nordnorwegen und hat Erfahrungen als Fischer.

Computerspiel

Unterwegs mit Børge in der Barentssee. Bild MISC

„Die Zeit ist überreif für ein ordentliches Fischereispiel, das mit den Farm- und Flugsimulatorspielen konkurrieren kann“,  zitiert NRK Gøran Myrland. Myrland stammt von Ringvassøya, nördlich von Tromsø, und hat von seinem Großvater Fischen gelernt. Später arbeitete er selbst auf einem Fischkutter. Heute betreibt er mit einem Partner MISC Games, eine kleine Firma für Spieleentwicklung in Stavanger. Die Idee habe er schon länger gehabt, so Myrland zu NRK. Eigentlich sollte sie mit wenig Aufwand umzusetzen sein – letztlich kostete die Entwicklung doch umgerechnet  rund 500 000 Euro. Nach Jahren der Vorarbeit und der Vor-Versionen wurde „Fishing: Barents Sea“ nun offiziell veröffentlicht.

Schiff

Der erfolgreiche Fischer mit größerem Schiff.
Bild MISC

Das virtuelle geerbte Boot, „Børge“, liegt in Hammerfest. Natürlich kann man auch andere Häfen an der nordnorwegischen Küste anlaufen. Auf die Darstellung der Orte und der Landschaft haben die Entwickler großen Wert gelegt. Das Wetter auf See basiert auf  Daten der vergangenen 20 Jahre. Auf den virtuellen Fangfahrten begegnen einem auf dem Bildschirm also Sturm und Flaute, Sonne, Regen und Schnee,  helle Nächte und Polarlicht. Die Fangmethoden und die dargestellte Technik entsprechen dem, was tatsächlich verwendet wird, und die sechs Schiffe gibt es wirklich.

Das Spiel ist also nichts für Action-Gamer, sondern für solche, die anspruchsvolle Simulationen zu schätzen wissen. Ob sich dadurch auch Nachwuchs für einen von Norwegens wichtigsten Wirtschaftszweigen rekrutieren lässt, wie die Entwickler offenbar hoffen, wird sich zeigen. Gut vorbereitet wäre er jedenfalls: Sogar mit der Quotenregelung und den Preisen muss sich der angehende Fischmogul herumschlagen, wie die MISC- Pressefrau im Interview auf der Gamescom in Deutschland 2017 berichtete.

Die vorherigen Testversionen sind von diversen Nutzern im Internet besprochen worden. Zur Veröffenlichung lagen MISC 30 000 Vorbestellungen aus zehn Ländern vor .  „Ein bisschen unwirklich“ findet Myrland laut NRK den plötzchen Erfolg.

 

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Finnland setzt auf die Bahn – nach Süden und Norden

Finnland. Mit der Bahn nach Finnland? Rail Baltica und der FinEstLink-Tunnel unter der Ostsee durch würden es möglich machen. Und mit Arctic Railway könnte es sogar eine Fortsetzung bis an Europas nördlichste Festlandküste geben. Dies sind drei Bahnprojekte in unterschiedlichen Stadien der Umsetzung, an denen Finnland äußerst interessiert ist.

Finestlink

Tunnel statt Fähre? Quelle FinEstLink

Die jüngsten Schlagzeilen machte gerade die Idee eines Tunnels zwischen Helsinki und Tallinn: Gestern wurde die fertige Machbarkeitsstudie dazu öffentlich vorgestellt. Der Abstand zwischen Helsinki und Tallinn beträgt 85 Kilometer übers Wasser. Fähren transportieren Reisende samt Autos und Güter in zwei Stunden über den Finnischen Meerbusen. In einem Bahntunnel darunter könnte die Strecke in 30 Minuten geschafft sein. Die Kosten sollen zwischen 13,8 und 20 Milliarden Euro liegen. Für die Machbarkeitsstudie hat die EU 1,3 Millionen Euro bereitgestellt. Bisher ist der weltweit längste Tunnel der Gotthard-Tunnel mit 57 Kilometern.

FinEstLink und Rail Baltica

Der Tunnel wäre die Fortsetzung von Rail Baltica, einer neuen 870 Kilometer langen Bahnverbindung durch die Estland, Lettland und Litauen. Das Projekt versteht sich als die (verkehrstechnische) „Rückkehr des Baltikums nach Europa“: Bisher sind dort (fast) alle Gleise in russischer Spurweite gebaut. Rail Baltica soll in Normalspur umgesetzt werden und den nahtlosen Anschluss an Polen und weiter nach Berlin ermöglichen.  Einzelne Abschnitte sind bereits umgebaut oder modernisiert worden, die eigentliche Bauphase steht aber noch bevor. Nach aktuellem Stand laut offizieller Webseite wird mit einer Fertigstellung 2026 gerechnet.

Bahnträume

Bahnträume: Rail Baltica, Tunnel nach Helsinki,
Arctic Railway in der Kirkenes-Variante.

Auch Finnlands Gleisnetz ist eigentlich komplett in der breiteren russischen Spur gebaut. Die Machbarkeitsstudie empfiehlt nun, den Weg unter der Ostsee hindurch als Anschluss an Rail Baltica auf Normalspur fortzusetzen. In Helsinki sind drei Haltestellen geplant, Endstation wäre der Flughafen in Vantaa. Ob dieses Projekt umgesetzt wird, hängt natürlich davon ab, wie optimistisch die Regierungen in Finnland und Estland die Wirkung einer solchen Verbindung einschätzen. Die Machbarkeitsstudie setzt zudem auf EU-Mittel.

Demnächst wird auch das Ergebnis einer Untersuchung zur „Arctic Railway“ erwartet – Finnlands Anschluss per Bahn an die eisfreien Häfen in Nordnorwegen.  Finnlands Verkehrsministerin Anne Berner ging in ihrer Pressemitteilung zum Tunnel-Projekt ausdrücklich darauf ein: „Der Tunnel würde gemeinsam mit dem Rail Baltica-Projekt und der arktischen Bahnlinie die arktische Region mit dem Herzen Europas verbinden – über Finnland .“ Noch stehen bei der angedachten Bahnlinie im hohen Norden weder die Endstation noch eine Trassenführung fest – neben Kirkenes ist beispielsweise auch eine Route über Skibotn nach Tromsø im Rennen. Ostfinnische Kommunen wollen lieber eine Verbindung nach Murmansk.

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