Krankenflüge-Krise in Norwegen – Folgen des Betreiberwechsels

Norwegen. Das Wort „Ambulansefly“ dürfte das sein, was in den vergangenen Tagen in den norwegischen Medien am häufigsten gebraucht wurde, vor allem in Nordnorwegen und gerne verbunden mit dem Wort „Krise“. Denn der neue Betreiber der Krankenflüge hatte nicht nur Anfangsschwierigkeiten – nach einem knappen halben Jahr ist die Situation schlimmer denn je. Darüber berichtete NRK.

Krankenflugzeug, Norwegen

In den dünn besiedelten Regionen Nordnorwegens sind die Wege zum nächsten Krankenhaus weit und zu Spezialisten manchmal noch weiter. Im Ernstfall kann der Landweg einfach zu lange dauern. Dafür gibt es Krankenflugzeuge und -hubschrauber, die über das staatliche Gesundheitssystem finanziert werden. Der Staat betreibt diesen Flugdienst aber nicht selbst, sondern  private Unternehmen. Nachdem die norwegische Lufttransport AS die Aufgabe offenbar jahrelang recht zufriedenstellend erledigt hatte, verlor sie bei der Ausschreibung des Flugzeug-Dienstes 2017  gegen Babcock Scandinavian AirAmbulance, in Schweden ansässige Tochterfirma der britischen Babcock.

Neuer Betreiber seit 1. Juli 2019

Den Piloten und dem technischen Personal wurde die Übernahme angeboten, es gab allerdings ein langes Feilschen um die Konditionen. Babcock versprach denselben guten Dienst, aber mit neuen Flugzeugen und für weniger Geld als der frühere Operateur. Nach einem knappen halben Jahr – die Übergabe war am 1. Juli 2019 – kann man festhalten, dass das nicht gelingt. Aktuell stehen vier von elf Flugzeugen mit einem unbekannten technischen Fehler am Boden. Die Gesellschaft versucht, die Lücken teilweise mit Maschinen aus Schweden zu füllen.  Davor waren es neben technischen Fehlern auch fehlende Piloten, die immer wieder Lücken in die Bereitschaft rissen.

Der Mangel in der Bereitschaft macht sich bemerkbar

NRK berichtete von einem Patienten aus der Finnmark, der 11,5 Stunden auf seinen Flug warten musste. Die Akutmedizinische Kommunikationszentrale in Tromsø zählte in den ersten fünf Monaten des neuen Operateurs 286 Verspätungen. Zuletzt meldeten Medien acht Verspätungen an einem Tag, und ein Patient brauchte 28 Stunden und 49 Minuten, bis er nach dem Anruf bei der Zentrale in Tromsø  im dortigen Universitätskrankenhaus eingeliefert wurde. Es sei nur eine Frage der Zeit, bevor das Leben koste, so der Oberarzt zu VG. Inzwischen wurde ein Krisenstab eingerichtet, und es gibt die ersten Forderungen nach einem Flugdienst in staatlicher Hand.

Das Risiko trägt der Patient

Staatlich finanzierte Dienste auszuschreiben und auf den günstigsten Anbieter zu setzen, ist kein ungewöhnliches Prinzip. Der günstigste ist aber nicht immer der beste. Babcock Scandinavian AirAmbulance betreibt auch Flugdienste in Schweden und Finnland und sollte zumindest ausreichend kompetent sein, wenn auch die Flugbedingungen in Norwegen vermutlich eine größere Herausforderung sind.  Es zeigt sich aber nun auf für die Patienten sehr unangenehme Weise, dass es doch ein hohes Risiko mit sich bringt, ein so sensibles System von heute auf morgen auszutauschen, inklusive aller Flugzeuge, und dass sich die Probleme auch sehr lange hinziehen. Babcocks Kostenberechnung dürfte angesichts der staatlichen und privaten Lückenfüller ohnehin längst hinfällig sein.

In diesen beiden Fällen stehen die Betreiberwechsel noch bevor:

Früherer Artikel zum Thema: Pilotenmangel: Krankenflieger-Krise in Nordnorwegen

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