Pilotenmangel: Krankenflieger-Krise in Nordnorwegen

Norwegen. Unfall? Hochschwanger? Herzinfarkt? Hoffentlich befinden Sie sich gerade nicht in der Finnmark. Denn in Nordnorwegen kommt der Rettungswagen wegen der großen Distanzen meist aus der Luft. Zuletzt jedoch blieben immer wieder Krankenflieger am Boden, weil es keine Piloten dafür gab – Folgen eines geplanten Betreiberwechsels.

Kirkenes

Kirkenes hat sogar ein Krankenhaus, doch in manchen Fällen können nur die Spezialisten in Tromsø helfen.

Norwegens nordöstlichste Region Finnmark ist ungefähr so groß wie Niedersachsen, hat aber insgesamt nur 76 000 Einwohner – vergleichbar etwa mit Lüneburg. Gesundheitszentren gibt es auch in den kleinen Orten, Krankenhäuser mit Notfallambulanz und Kreißsaal in Hammerfest und Kirkenes. Bei schwierigeren Fällen wie etwa einer notwendigen Herzoperation können aber nur die Fachärzte im Universitätsklinikum Tromsø helfen. Weil so lange Wege auf der Straße oft zu lang sind, gibt es Norwegens Luft-Notärzte und Krankenflüge. 13 Hubschrauber und neun Kleinflugzeuge werden landesweit dafür eingesetzt – vor allem im bevölkerungsarmen Nordnorwegen.

Zuletzt funktionierte dies jedoch nur eingeschränkt. Die Medien sprechen von einer „Ambulansefly-krisen“ oder auch vom „Flyambulansekaos i nord„. Denn Veränderungen stehen bevor und werfen ihren Schatten voraus. Die Flugdienste werden nämlich von privaten Unternehmen eingekauft. Nach einer Neuausschreibung des Flugzeug-Teils war die Auswahl der zuständigen Behörde vergangenes Jahr auf die schwedische Babcock Scandinavian Air Ambulance gefallen, die diesen Service bereits in Schweden und Finnland anbietet. Das Unternehmen gehört seit 2014 zum britischen Babcock-Konzern. Das Angebot war laut NRK um 47 Millionen norwegische Kronen pro Jahr (umgerechnet 4,8 Millionen Euro) billiger als das der norwegischen Lufttransport FW AS, die diese Aufgabe seit mehr als 25 Jahren erledigt. Babcock SAA will allerdings mit weniger Piloten und Reserveflugzeugen auskommen und den Piloten auch weniger zahlen. Die Wartung soll in Östersund stattfinden. Insgesamt geht es um umgerechnet fast 270 Millionen Euro für sechs Jahre mit der Option auf Verlängerung. Start des neuen Vertrages ist der 1. Juli 2019.

Kautokeino

Von Kautokeino aus sind es 270 Kilometer bis zum nächsten Krankenhaus in Hammerfest.

Eine Übernahme der rund 100 mit allen örtlichen Problemen vertrauten Piloten war nicht Teil der Ausschreibungsvorgaben. Nachdem Verhandlungen zur kollektiven Übernahme scheiterten, meldeten sich gleich mehrere Piloten als “ not fit to fly“. Andere hatten ohnehin schon gekündigt. Inzwischen ist klar, dass auch das technische Personal nicht übernommen wird. Dort fielen ebenfalls  Mitarbeiter aus.   Lufttransport konnte seine Flugzeuge nicht mehr besetzen – es gab Lücken in der Bereitschaft. Notfälle wurden statt dessen mit Helikoptern über weite Strecken geflogen, die dann wieder anderswo fehlten. In Mehamn bekam eine Frau ihr Kind in der Arztpraxis, weil kein Transportmittel zur Verfügung stand.

Als ersten Ersatz hat die zuständige Behörde nun zwei Flugzeuge von Babcock samt Personal angemietet, außerdem zwei mit medizinischen Geräten ausgerüstete Hubschrauber der Streitkräfte. Über den aktuellen Stand der Bereitschaft berichtet jeweils die regionale Gesundheitsbehörde Helse Nord.

Opposition fordert Auflösung des Vertrags mit Babcock

Nach den zahlreichen Medienberichten ist die Krise auch in Oslo angekommen. VG schreibt, dass Parlamentarier Bjørnar Moxnes von den „Rødt“ (die „Roten“) eine Auflösung des Vertrags mit Babcock SAA fordert und die Krankenflüge zukünftig als öffentlichen Dienst betreiben lassen will. Einen entsprechenden Eilantrag will er zur Storting-Sitzung nächste Woche einbringen. Arbeiderpartiet, Senterpartiet und Sosialistisk Venstreparti unterstützen zumindest, dass der Vertrag mit Babcock wieder aufgelöst werden soll. Das reicht allerdings noch nicht zur Mehrheit.

 VGs Leitartikel weist darauf hin, dass man noch nicht wissen könne, ob Babcock schlechteren Service liefere. Was diskutiert werden könne, sei die Verletzlichkeit, die entstehe, wenn man entscheidende Teile der Infrastruktur im Gesundheitswesen ausschreibe. In Nordnorwegen sei der Lufttransport ein grundlegender Teil der Transportkette, damit der Patient rechtzeitig die Hilfe bekomme, die er brauche: „Ein Herzinfarkt in der Finnmark ist etwas anderes als ein Herzinfarkt in Årvoll in Oslo. „

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Norwegen, Politik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert