Frisch übersetzt: Neue Bücher aus dem Norden

Der große Auftritt Norwegens auf der Buchmesse in Frankfurt ist vorbei, doch etwas ist geblieben: Nie zuvor wurden so viele Übersetzungen ins Deutsche gefördert, und das Ergebnis macht norwegische Literatur nun auch einem breiteren Publikum zugänglich. Aber auch aus den anderen Ländern gibt es einige Neuerscheinungen, die sich nun auf deutsch lesen lassen. Wenn auch längst nicht alles, was wünschenswert wäre. Wie kommt es, dass das vom Nordischen Rat 2018 preisgekrönte Buch der Isländerin Auður Ava Ólafsdóttir  auf Englisch, Spanisch, Italienisch und Portugiesisch erhältlich ist, aber nicht auf Deutsch?

Silvervägen

Silvervägen von Stina Jackson, Originalausgabe, inzwischen übersetzt.

Dass es manchmal auch ganz schnell gehen kann mit dem Übersetzen, zeigt Stina Jacksons „Dunkelsommer“. Vor einem Jahr erst ein vielversprechendes Debüt in Schweden, jetzt schon in deutschen Bücherregalen.  Der deutsche Titel ist etwas merkwürdig – nordschwedische Sommer sind nicht dunkel. Mit dem Original „Silvervägen“, die Straße 95 von Skellefteå an die norwegische Grenze, auf der früher Silber aus den Gruben abtransportiert wurde, hätte möglicherweise niemand etwas anfangen können. Es ist aber immerhin der zentrale Schauplatz der Geschichte um zwei verschwundene Mädchen, und ein eher ungewöhnlicher Krimi.

Das Eisschloss

„Das Eisschloss“ von Tarjei Vesaas, Guggolz Verlag

Manche Bücher müssen auch deshalb lange auf die Übersetzung warten, weil es sich einfach keiner zutraut. Der norwegische Klassiker „Is-slottet“ von 1963,  („Das Eis-Schloss„) von Tarjei Vesaas (1897-1970), der auch verfilmt wurde, galt als unübersetzbar. Nun hat sich Hinrich Schmidt-Henkel daran gewagt und bisher gute Kritiken dafür bekommen. Die Geschichte: Zwei Mädchen schließen nach anfänglichen Schwierigkeiten Freundschaft – doch dann steigt die eine in einen vereisten Wasserfall, der wie ein Schloss aussieht, findet nicht mehr hinaus und erfriert. Die übriggebliebene Freundin trifft das hart.

Nicht nur Eis und Schnee, auch Wellen und Stürme sind nie fern, wenn eine Geschichte  in Nordnorwegen spielt, so wie Roy Jacobsens Trilogie um die Familie Barrøy auf der fikiven Insel Barrøy vor Helgeland.  „Die Unsichtbaren“, „Weißes Meer“ und „Rigels Augen“ („De usynlige“, „Hvitt hav“, „Rigels øyne“) beginnt in einer Zeit, in der Norwegen noch arm war, das Ölzeitalter noch nicht begonnen hatte.  Die fiktive Familiengeschichte spielt vor dem Hintergrund echter Ereignisse: Krieg, Besatzung, Dinge, an die man sich später nicht gern erinnerte, wie die Versenkung des deutschen Schiffes Rigel, bei dem 2500 Menschen starben – hauptsächlich russische Kriegsgefangene. Jacobsen lässt einen überleben und nach Barrøy kommen.

Tommi Kinnunen

„Das Licht in deinen Augen“ von Tommi Kinnunen, Random House

Familiengeschichten sind auch die Spezialität des Finnen Tommi Kinnunen. Mit „Das Licht in deinen Augen“ („Lopotti„) greift er erneut auf seine eigenen Vorfahren aus Kuusamo zurück und folgt diesmal dem Weg der blinden Helena und ihrem Neffen Tuomas, zwei Außenseitern, die ihre Heimat verlassen, um ihren eigenen Weg zu finden. Wer „Wege, die sich kreuzen“ gelesen hat, wird einige Personen wiedererkennen.

Eigene Wege geht auch „Ásta„, nach der das neue Buch von  Jón Kalman Stefánsson benannt ist. Der Isländer ist bekannt für seine Wortkunst, die beim Lesen Aufmerksamkeit erfordert. „Ástas Geschichte“ entfaltet sich wie  ein Puzzle.

Maja Lunde ist bereits bekannt für ihre Generationen umspannenden Konstruktionen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Der dritte Band ihrer Klima-Trilogie heißt im norwegischen Original „Przewalskis hest„, was möglicherweise nur Pferdefreunden und Artenhistorikern ein Begriff ist. Auf Deutsch heißt es „Die Letzten ihrer Art„, und die drei Zeitebenen werden zusammengehalten von eben jenem Wildpferd, das Przewalski „zurückzüchtete“. Wieder einmal erscheint die Zukunft ziemlich unangenehm. Aber es ist nicht zu spät für Hoffnung!

„Um timann og vatnið“ von Andri Snær Magnason, Forlagið

Die spannendste Neuerscheinung des Jahres ist möglicherweise Andri Snær Magnasons „Um tímann og vatnið“, „Von Zeit und Wasser“ – seine ganz spezielle Bezeichnung für den Klimawandel. Der Isländer war im vergangenen Jahr ein gefragter Interviewpartner, nicht zuletzt dank Beteiligung an der Beerdigungsfeier für den Gletscher Ok, der kein Gletscher mehr ist. Die Rechte von „Um tímann og vatnið“ wurden bereits in 14 Länder verkauft, sodass man nächstes Jahr auf eine deutschen Ausgabe hoffen darf. Und sich dabei darauf verlassen kann, dass Andri Snær Magnason fesseln wird – wie jetzt schon in Reykjavík auf der Bühne mit einer Performance im Rahmen dieses Projektes.

Den „Norden im Fokus“ hat nicht nur diese Seite, sondern auch Bernd Brunner: In „Die Erfindung des Nordens“ widmet er sich der „Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung“ – von barbarischen Wikingerhorden bis zu IKEA.

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