Geschäftsmodell Mord: Literatur aus dem Norden

Morden im Norden ist seit Jahren ein Erfolgsmodell – literarisch gesehen. Auch in den kommenden Wochen dürfte wieder solides Krimihandwerk made in Skandinavien über den Ladentisch gehen. Schließlich sind diverse neue Werke bekannter Erfolgsautoren frisch  in deutscher Übersetzung erschienen: Jo Nesbø („Durst“), Yrsa Sigurðardóttir („SOG“) oder Håkan Nesser („Der Fall Kallmann“) zum Beispiel.

Jo Nesbø

Jo Nesbø, Frankfurter Buchmesse.

Auf Island dürfte die Zahl der Literatur-Leichen die Zahl der realen Fälle locker übersteigen. Dafür sorgen Yrsa Sigurðardóttir, Arnaldur Indriðason (nächstes Buch im Januar: „Der Reisende“), Stella Blómkvist und weitere Kollegen.

Auch Lappland gilt eigentlich eher als friedliche Gegend. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet Kautokeino, größtenteils von Samen bewohnter Ort in Nordnorwegen mit knapp 3000 Einwohnern, im Zentrum von gleich zwei Krimiserien mit viel lokalem Flair landete. Die Autoren sind allerdings beide „zugereist“: Die eine Serie stammt vom Schweden Lars Petterson, der teilweise auch dort lebt. Die ersten beiden Bände sind bereits auf Deutsch erschienen: „Einsam und kalt ist der Tod“ sowie „Mord am Polarkreis“, der dritte (schwedisches Original: „Mörkertid“) noch nicht.

Kautokeino

Blick auf Kautokeino.

Die andere stammt von dem französischen Skandinavien-Korrespondenten Olivier Truc, der erste Band heißt auf Deutsch „40 Tage Nacht“. Der zweite  (französisches Original „Le détroit du loup“, schwedisch „Skuggorna vänder tillbaka“)  ist noch nicht ins Deutsche übersetzt. Vorsicht: Der Autor erlaubt sich eine literarische Freiheit, die zwar der Handlung nützt, aber nicht der Realität entspricht. Eine „Renpolizei“ gibt es nur in Norwegen – und nicht grenzübergreifend in allen drei Ländern am Polarkreis. Doch er greift durchaus real existerende Konflikte auf.

Nicht nur Krimis

Als Alternative zum Krimi bietet sich das dritte Buch des Finnen Tuomas Kyrö, „Der Grantige“ an, das gerade auf Deutsch erschienen ist. Ein 80-Jähriger hadert mit dem modernen Leben – auf für den Leser vergnügliche Weise. Landsmann Arto Paasilinna, aufgewachsen im nordfinnischen Kittilä,  (zuletzt: „Weltretten für Anfänger“) ist ebenfalls für seinen skurrilen Humor bekannt. Schon ein Klassiker  ist „Populärmusik aus Vittula“, über eine Jugend in der Provinz, im schwedisch-finnischen Grenzland, von Mikael Niemi aus Pajala. Sein letztes ins Deutsche übersetzte Buch, „Die Flutwelle“ (2014) ist allerdings nicht lustig, sondern ein Katastrophenroman. Niemi lässt dort die Dämme der nordschwedischen Stauseen brechen.

Wenn es nicht gerade um kommerziell vielversprechende Krimis geht, kann die Übersetzung manchmal auch ganz schön dauern: So hat der Isländer Andri Snær Magnason, auch als Umweltaktivist bekannt, bereits 2014 ein neues Kinder-/Jugendbuch veröffentlicht, „Tímakistan“. Trotz vieler Preise für vergangene Werke („Traumland“, „Love Star“, „Die Geschichte vom blauen Planeten“) wird die Geschichte um eine Art Zeitmaschine  zwar demnächst auf Japanisch erscheinen, aber immer noch nicht auf Deutsch.

Literatur aus Grönland

Niviaq Korneliussen

Niviaq Korneliussen, Frankfurter Buchmesse.

Literatur aus Grönland sieht man hierzulande auch noch selten. Das hängt zum einen damit zusammen, dass dort nur etwa 20 neue Bücher im Jahr erscheinen. Zum anderen gibt es nicht viele Übersetzer, die Grönländisch im Repertoire haben. Der grönländische Milik Verlag behilft sich damit, dass Bücher zunächst in die frühere Amtssprache Dänisch übersetzt werden und von dort aus in andere Sprachen. Die junge Schriftstellerin Niviaq Korneliussen, die in Dänemark studiert hat, hat die dänische Version ihres Buches „Homo Sapienne“ selbst angefertigt. Inzwischen gibt es eine deutsche Übersetzung: „nuuk#ohne filter“ gibt Einblick in den Alltag junger Grönländer, inklusive Freundschaft, Liebe und der Suche nach der sexuellen Identität.

Eine weitere Stimme des jungen Grönland ist Sørine Steenholdt, deren Kurzgeschichten-Sammlung „Zombieland“ bisher aber nur im Original und auf Dänisch vorliegt. Wer das lesen kann, kann sich auch in die grönländische Krimiwelt von Hans Jakob Helms („De Dødes Fjord“, „Hvis du fløyter efter Nordlyset“) und Nina von Staffeldt („Frosne beviser“, „Den Sorte Engel“) begeben.

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