Rentierhaltung und Tourismus – passt das zusammen?

Schweden. Staudämme, Windräder, Gruben – all das hat die Rentierhalter in der Vergangenheit Weideflächen für ihre Tiere gekostet und stört ihre Zugbahnen. Aber auch der wachsende Tourismus in den Bergen sorgt für Konflikte – es gab sogar schon die Forderung, Bergstationen des STF (Svenska Turistföreningen) abzureißen.  Die neueste Ausgabe von „Turist„, der Mitgliederzeitschrift des STF, widmet sich diesem Thema und wirbt für die Koexistenz.

Rentiere

Bei der Begegnung mit Rentieren: ruhig bleiben, Abstand halten.

Die schwedisch-norwegische Bergkette ist nicht „unberührte Natur“- die Samen nutzten dieses Land über Jahrhunderte, aber mit einer nachhaltigen Wirtschaftsweise. Deshalb ist ihre Anwesenheit im Welterbe Laponia beispielsweise auch ausdrücklich Teil des Konzepts. Zwar lebt heute nur noch ein kleiner Teil der schwedischen Samen von der Rentierwirtschaft – laut Turist noch 4600 – doch für diese wird es immer schwieriger. Die Konflikte mit dem Tourismus sind offenbar besonders in Jämtland groß, berichtet Autorin Malin Nord im Artikel „Gränslandet – renen och fjällturisten – hur ska de samsas?“. Dort liegen die STF-Bergstationen Storulvån, Blåhammaren und Sylarna. Dort hat die Rentierhaltervereinigung Handölsdalens Sameby aber auch ihre Weideflächen. Besonders schwierig sei es im Mai, so einer der betroffenen Tierhalter im Artikel: Dann werden in der Region rund 5000 Kälber geboren. Wenn die Mutter sich vor aufdringlichen Besuchern erschrecke, bestehe die Gefahr, dass sie ihr Kalb im Stich lasse.

Skivergnügen zur Kalbungszeit

Im Mai ist allerdings oft bestes Wetter für die letzte Skitour, und seit die Straße nach Storulvån vor zehn Jahren asphaltiert worden sei, kämen noch mehr dorthin, von nah und fern. Handölsdalens Sameby wollte die Straße sperren lassen, kam damit bei der Verkehrsbehörde aber nicht durch. STF öffnet die Bergstation dort mit Rücksicht auf die Kalbungszeit erst Mittsommer, aber das reicht offenbar nicht: Die Ausflügler kommen trotzdem. Das Sameby würde die Bergstationen am liebsten schließen oder aus dem Weidegebiet verlegen, und ein paar Hütten gleich mit.

Das benachbarte Sameby Tåssåsens hat dagegen ein Problem mit Mountainbikern: Seit die Regionsverwaltung die Pfade erneuert hat, ist das Gebiet um Funäsdalen und Bydalen sehr beliebt. Die Fahrräder tauchten so schnell auf, dass die Rentiere sich erschreckten. man habe die angrenzenden Flächen nicht mehr nutzen können, so der Vorsitzende des Samebys. Im Sommer müssten die Tiere gut fressen, damit sie anschließend den harten Winter überstehen.

In Nikkaluokta funktioniert die Kombination

Kebnekaise Fjällstation

Kebnekaise Fjällstation (STF)

Dass es auch anders gehen kann, zeigt das in Turist angeführte Beispiel aus Nikkaluokta: Dort funktioniert die Kombination aus Touristenrestaurant, Souvenirshop und Rentierhaltung, und zur STF- Bergstation Kebnekaise hat man gute Beziehungen.  Touristen sind dort lieber gesehen als Grubenplaner, und Probleme machten eher Skoterfahrten der Lokalbevölkerung. Die Weideflächen seien aber auch großzüger als im Süden, Nikkaluokta liegt außerdem an der Grenze zwischen zwei Samebyar – da sei es weniger schwer, auf etwas zu verzichten.

Chefredakteur Anders Tapper wirbt im Leitartikel für eine Koexistenz zwischen Rentierhaltung und Tourismus. Für ihn ist nicht der Tourismus der größte Feind dieses Erwerbszweigs, sondern der Klimawandel. Tourismus schaffe Interesse an der Natur und den Willen, sie zu schützen. Und ein Tourist, der mit eigenen Augen den Kollaps der Gletscher Helags und Sylarna gesehen habe, solle nicht als Bedrohung gesehen werden, sondern eher als das Gegenteil.

Konkrete Tipps für Wanderer und Skiläufer: Trifft man in den Bergen Rentiere, soll man Abstand halten, still sein, sich vielleicht sogar hinsetzen, und die Herde in Ruhe passieren lassen. Und die Bergtour kann ja vielleicht so geplant werden, dass sie nicht gerade zur Kalbungszeit im Mai stattfindet.

Mehr zum Welterbe Laponia: Welterbe Laponia: Natur, Kultur und ein Verwaltungsexperiment

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1 Antwort zu Rentierhaltung und Tourismus – passt das zusammen?

  1. Georg Terwelp sagt:

    Hallo,
    ich bin nicht sicher, ob Touristen der wesentliche Teil des Problems sind. Als Biologe bin ich regelmäßig in Schweden im Gebirge, also dem sommerlichen Hauptaufenthaltsraum der Rentiere unterwegs. Hier sehe ich, daß die Vegetation durch eine Überbeweidung durch eine zu große Zahl von Rentieren stark verändert, wenn nicht sogar geschädigt wird. Hierzu gibt es sehr plakative Fotos zur Vegetation links und rechts eines Rentierzaunes, wobei auf einer Seite keine Beweidung stattfindet. Verbunden damit sind, und das sage ich sehr bewusst, Excesse in der Bewirtschaftung der Rentiere durch massiven Einsatz von kilometerlangen Zäunen, Quads, Scootern und Hubschraubern. All diese Dinge sind mit dem sonst lautstark vorgetragenen Anspruch eines alten indigenen Volkes und seiner Lebensweise wohl kaum vereinbar. Hierzu kommt ein fast aggressives Durchsetzen eigener Intessen der samischen Minderheit. Und nicht zu vergessen: die gesamte Rentierwirtschaft gibt es nur noch mit Hilfe von Subventionen der EU, ansonsten wäre sie schon längst wegen absoluter Unwirtschaftlichkeit verschwunden. Mein Vorschlag: Reduzierung der Rentierbestände auf ein landschaftsverträgliches Maß, Bewirtschaftung mit einem Minimium an Technik (wie eines indigenen Volkes würdig), angemessener Ausgleich der Mindererträge durch EU-Mittel aus der sog. Säule II. Gleichberechtigung, aber nicht Bevorzugung der samischen Bevölkerung.

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