Grönland: Siedlungsstruktur ist ein heißes Eisen

Grönland. Die grönländische Abgeordnete Aaja Chemnitz Larsen stach jüngst in ein Wespennest: Sie sprach die ungünstige Siedlungsstruktur auf der Insel an – und die eigene Partei hielt sofort dagegen. Sermitsiaq griff das Thema nun erneut auf: Auch über dieses Tabu müsse man reden.

Aaja Chemnitz Larsen.

Aaja Chemnitz Larsen. Foto Steen Brogaard

Aaja Chemnitz Larsen ist gewählte Abgeordnete des dänischen Folketing und Mitglied der Partei Inuit Ataqatigiit (eher links). Am 8. Oktober hielt sie eine Rede im Folketing, in die sie spontan auch einen Absatz zur Siedlungsstruktur in Grönland einfügte: Sie persönlich meine, dass sie (die Grönländer inklusive sie selbst) an weniger Orten leben sollten als den aktuell 71 Wohnorten. Städte sollten entwickelt werden, lebendige Dörfer erhalten werden. Andere Dörfer könnten natürlich abgewickelt werden, und diesen Einwohnern auf schonende Weise auf dem Weg in die Städte geholfen werden. Dabei ging es ihr darum, wie künftig sichergestellt werden soll, dass die Einwohner in den Dörfern Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung und sozialen Diensten haben.

Dorfabwicklung weckt schlechte Erinnerungen

Ein Tabu ist dies deshalb, weil es die Grönländer an die Politik erinnert, mit der Dänemark nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders in den 1960er Jahren die Insel modernisieren wollte. Die Gesellschaft sollte sich von den selbstversorgenden Jägern und Fängern in Richtung Erwerbsarbeit bewegen – und zu einem höheren Lebensstandard. Um all die Leute in den Städten unterzubringen, wurden erstmals Wohnblocks gebaut. Diese Veränderungen brachten neue soziale Probleme mit sich. Dörfer wurden geschlossen, aber auch die frühere Stadt Qullissat, nachdem dort die Kohlegrube aufgegeben wurde. Die letzten, die dort nicht freiwillig wegziehen wollten, wurden zwangsweise umgesiedelt.

Dorf

Nachwuchs vorhanden. Foto Thomas Christiansen

Aaja Chemnitz Larsen betonte im Interview mit Sermitsiaq, diese Politik wolle sie nicht wieder aufleben lassen, und sie sei gegen Zwangsumsiedlungen. Aber man müsse darüber diskutieren, wie die Wohlfahrt besser gesichert werden könne – auch mit Blick auf die Siedlungsstruktur.

Sermitsiaq steuert die Zahlen bei: 1950 gab es 24 000 Einwohner in Grönland, die an 150 Orten lebten. Heute sind es 56 370 Einwohner in 17 (kleinen) Städten und 54 Siedlungen. Als Grönland 1979 seine erste eigene Regierung bekam, lebten noch 12000 Menschen in den Dörfern. Heute sind es 7165. Allein in den vergangenen fünf Jahren seien 512 Personen aus den Dörfern fortgezogen. Sermitsiaq erinnert daran, dass auch bereits die Kinderschutzbeauftragte, die Seniorenbeauftragte und die Behindertenbeauftragte einen kritischen Blick auf die Verhältnisse in den Dörfern geworfen haben.

Nur noch 12 Personen in Kangerluk

Die zunehmende Konzentration auf größere Orte ist selbstverständlich kein grönländisches Phänomen. Die großen Abstände und das fehlende Wegenetz machen den Austausch zwischen Orten dort allerdings besonders schwer und wetterabhängig. Nicht gerne hören wird man diese Diskussion in Kangerluk auf der Insel Qeqertarsuaq: In Grönlands kleinstem Ort leben inzwischen nur noch 12 Personen.

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