Entschuldigung an grönländische Experiment-Kinder

Dänemark/Grönland. Die dänische Premierministerin Mette Frederiksen hat sich am Dienstag offiziell bei den sechs überlebenden grönländischen Kindern für das Experiment entschuldigt, das ihnen ab 1951 Kindheit, Familie und Heimat raubte. Damals wurden ingesamt 22 grönländische Kinder nach Dänemark gebracht, um dort die Sprache zu lernen und später in Grönland die Modernisierung voranzutreiben. Das Experiment ging schief.

Dorf

Die Experiment-Kinder durften nicht in ihrer grönländischen Familie aufwachsen. Foto Thomas Christiansen

Grönland sollte nach dem Zweiten Weltkrieg modernisiert werden – und zwar schnell und auf Dänisch. 22 grönländische Kinder zwischen sechs und acht Jahren wurden deshalb für ein Jahr nach Dänemark geschickt. Sie stammten aus Familien in schwierigen Verhältnissen. Sechs aus dieser Gruppe wurden unter zweifelhaften Umständen schließlich in Dänemark adoptiert, die anderen kehrten zurück nach Nuuk und lebten dort in einem Heim. Sie besuchten mit dänischsprachigen Kindern die Schule.

Die Kinder hatten in der Zeit in Dänemark keinen Kontakt miteinander. Sie vergaßen das Grönländische. Zurück in Grönland waren sie fremd – sowohl den dänischsprachigen Kindern als auch den grönländischen. Die brutale Trennung von ihrer Familie, der Kulturschock in Dänemark und die ständige Außenseiterrolle hatte große Auswirkungen auf die Kinder. Die meisten hatten massive Probleme in ihrem Leben, viele starben früh.

Geschichte wurde erst durch ein Buch bekannt

Dem breiteren Publikum wurden die Geschichte erst durch das Buch der dänischen Journalistin Tine Bryld bekannt, das 1998 erschien: „I den bedste mening“ , „In bester Absicht“. Sie hatte mit den 15 ehemaligen Experiment-Kindern gesprochen, die damals noch lebten.  Das Buch wurde 2010 von Louise Friedberg verfilmt („Eksperimentet“). Heute leben nur noch sechs aus dieser Gruppe. Eine davon, Helene Thiesen, hat 2011 auch eine eigene Biografie herausgebracht, „For flid og god opførsel“ („Für Fleiß und gutes Benehmen“), das 2011 herauskam. Für sie bedeutet die Entschuldigung sehr viel, wie sie Sermitsiaq berichtet.

Entschuldigung schon länger gefordert

Die Forderung nach einer Entschuldigung gegenüber den „Experiment-Kindern“ gibt es schon länger. Der frühere dänische Premier Lars Løkke Rasmussen hatte diesen Teil der dänischen Geschichte zwar bedauert, wollte aber keine offizielle Entschuldigung im Namen des Staates abgeben. Das tat nun Mette Frederiksen, nachzuhören hier. Ein offizieller Brief wurde an die sechs Überlebenden überbracht. Zuvor hatte es noch eine offizielle Untersuchung zu dem Thema gegeben, die nun abgeschlossen ist.

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