Bitcoin, der isländische Stromverbrauch und der Stecker im Vulkan

Island.  Droht den Isländern Strommangel wegen Bitcoin? Manche Schlagzeilen der vergangenen Tage legen dies nahe, zum Beispiel im Spiegel. Auslöser war, dass der Sprecher des Energieunternehmens HS Orka zu AP sagte, er rechne damit, dass die Datenzentren für Kryptogeld in diesem Jahr mehr Strom verbrauchen werden als die isländischen Haushalte.

Gunnuhver

Thermalgebiet Gunnuhver mit Kraftwerk, Reykjanes

 840 Gigawattstunden für Computeroperationen – diese Zahl nannte der Sprecher gegenüber BBC – klingen  viel für eine 340 000-Einwohner-Insel und entsprechen tatsächlich dem  Verbrauch der Haushalte 2016. Doch der Privatverbrauch macht ohnehin nur einen  Bruchteil  der mehr als  18 000 Gigawattstunden Strom aus, die auf der Insel bereits erzeugt werden. Wie auch bei Morgunblaðið vor wenigen Monaten nachzulesen war, gingen 2016 allein zwei Drittel des isländischen Stroms in die drei großen Aluwerke (Alcoa, Norðurál, Rio Tinto).  Nur 1,2 Prozent (218 Gwh) verbrauchten 2016 die Datenzentren (isl. Gagnaver). Insgesamt gingen 2016 77,3 Prozent an Großverbraucher. Die restlichen 22, 7 Prozent teilten sich Privathaushalte, Landwirtschaft, kleine Unternehmen, Fischindustrie und Dienstleister.

Zwei Drittel des Stroms nur für Alu

Diese Struktur ist Folge des isländischen Industriepolitik der vergangenen Jahrzehnte. Politiker warben weltweit mit extrem günstigen Preisen aus erneuerbaren Energiequellen mit dem Ziel, Unternehmen anzuziehen und Arbeitsplätze zu schaffen. Der isländische Schriftsteller und Umweltaktivist Andri Snær Magnason schildert dies in seinem Buch „Traumland“ („Draumalandið“). Das Ergebnis war die Ansiedlung der energieintensiven Aluindustrie samt ihrer Nebenwirkungen. So kommt es, dass Island das Land mit dem höchsten Stromverbrauch pro Kopf ist. Die Energie steckt im Alu.

Þorsá

Þorsá, Búrfell, Trollkonuhlaup. Vor dem Bau
des Kraftwerks führte der Fluss mehr Wasser.

Dass der Strom auf Island zu 99,9 Prozent aus erneuerbaren Energien erzeugt wird, heißt nicht, dass dies keinen Preis hat. „Man kann nicht einfach einen Stecker in den Vulkan stecken“, sagte Magnason einmal bei einer Pressekonferenz gemeinsam mit Björk, als er für die Einrichtung eines Nationalparks im Hochland warb. Auch der Bau von Wasserkraftwerken oder Anlagen zur Geothermie greifen in die Natur ein. Besonders umstritten war der Bau des Kárahnjúkar-Staudamms.

Datenzentren sind nun offenbar „das neue Alu“. Nicht nur, dass der Strom auf Island billig ist, bei der Kühlung der Server hilft auch noch das örtliche Klima. Mit ähnlichen Argumenten hat Facebook seinen ersten Server außerhalb den USA im nordschwedischen Luleå angesiedelt.

Die Zukunft hängt von den Großen ab

Wie groß sind die  Kapazitäten der isländischen Stromerzeugung also noch?  HS Orkas Geschäftsführer sagte zu Morgunblaðið, er habe schon Leute abweisen müssen, die mit ihren Rechenzentren nach Island ziehen wollten, weil er den Strom nicht habe. Doch entscheidend dürfte sein, wie sich die großen Firmen in den nächsten Jahrzehnten entwickeln. Was, wenn eine schließen muss? Die Geschäftsführer von Landsvirkjun und von Orkuveita Reykjavíkur, zwei weiteren Energieversorgern, halten dies durchaus für möglich. Dann gäbe es plötzlich Strom im Überfluss. 

Pläne für neue kleine und mittlere Kraftwerke sind in der Entwicklung, ob sie tatsächlich umgesetzt werden, wird letztlich eine politische Entscheidung sein. Ebenso, wie Unternehmen wie Bitcoin dazu herangezogen werden können, auch etwas für Island zu leisten, wie Piraten-Politiker Smári McCarthy in einer Serie  Tweets darlegte. Das isländische Wort für Kryptogeld heißt übrigens „rafmynt“- etwa: „Strom-Münze“.

Nachtrag: Andri Snær Magnason auf Twitter zu Bitcoin:

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