Vor 75 Jahren: Befreiung der Ost-Finnmark von den Nazis

Kirkenes (Norwegen). Heute vor 75 Jahren eroberte die Rote Armee die norwegische Grenzstadt Kirkenes von den Nazis, in den folgenden Tagen das Gebiet bis zum Fluss Tana. Es war der Anfang von Ende der deutschen Besatzung in Norwegen. Zum Jahrestag der Befreiung der Ost-Finnmark werden heute König Harald, Erna Solberg und der russische Außenminister Sergej Lawrow zu einer öffentlichen Zeremonie in Kirkenes erwartet.

Museum Kirkenes Iljuschin

Grenzlandmuseum Kirkenes: Iljuschin aus dem Zweiten Weltkrieg, auf norwegischem Gebiet abgestürzt. Zu Glasnost-Zeiten zurück in die Sowjetunion zur Restauration und als Geschenk zurück.

Kirkenes war für Nazi-Deutschland ein wichtiger Stützpunkt. Ziel war die Eroberung von Murmansk. So weit kamen die deutschen Truppen aber nie. Es gab einen langen Stellungskrieg an der Litsa. Anfang Oktober 1944 gelang es der Roten Armee, ihre Gegner zurück nach Norwegen zu treiben, und noch ein Stück weiter nach Osten. Die Wehrmacht zog sich aus der Finnmark und Nord-Troms bis zu einer Linie bei Lyngen zurück und hinterließ verbrannte Erde. Die norwegische Exil-Regierung in London schickte norwegische Soldaten aus Schottland nach Kirkenes. Nachdem Deutschland am 8. Mai 1945 kapituliert hatte, ergaben sich auch die deutschen Truppen in Norwegen. Die sowjetischen Truppen zogen am 1.September 1945 bedingungslos ab.

Kollaborateure, Tyskerjenter und Partisanen

Kollaborateure und Norwegerinnen, die sich mit deutschen Soldaten eingelassen hatten, „Tyskerjenter“, waren nach dem Krieg schlecht angesehen. Wenig bekannt und lange total tabu war die Tatsache, dass eine Reihe von Norwegern auf Seiten der Roten Armee gegen die Nazis gekämpft hatten. Dabei handelte es sich um Leute aus der nördlichen Grenzregion, die vor den Nazis Richtung Sowjetunion geflüchtet waren. Die meisten davon kamen aus Kiberg an der Küste von Varanger und nahmen den Seeweg. In der Sowjetunion hielt man sie zunächst für Spione. Später nutzte man ihre Ortskenntnis: Norweger saßen als Partisanen in den unzugänglichen Felswänden von Varanger und meldeten den Schiffsverkehr. Sie fuhren auf sowjetischen U-Booten als Lotsen und nahmen Funkmeldungen entgegen. Viele dieser norwegischen Partisanen bezahlten den Einsatz mit ihrem Leben: Sie wurden von den Nazis gefangengenommen und hingerichtet.

Museum Kirkenes Nazi-Propaganda

Grenzlandmuseum Kirkenes: Nazi-Propaganda in Norwegen

Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs im hohen Norden ist kompliziert. Die nordischen Länder hatten ihre Loyalitäten unterschiedlich verteilt: Finnland verbündete sich mit Deutschland gegen die Sowjetunion, Schweden gelang es zumindest oberflächlich, neutral zu bleiben, Norwegen hatte das auch versucht, wurde aber trotzdem besetzt. Am kompliziertesten und ungewöhnlichsten ist sie wohl in der Ost-Finnmark, wo norwegische und und sowjetische Soldaten offenbar monatelang reibungslos kooperierten. Und nur wenig später an derselben Stelle der Eiserne Vorhang fiel, wie anderswo auch.

Hoffnung auf die Freilassung von Frode Berg

Der 75. Jahrestag der Befreiung wird in Kirkenes mit einer Reihe von Veranstaltungen begangen. Eigentlich hatte man dort gehofft, noch etwas anderes feiern zu können: die Rückkehr des Mitbürgers Frode Berg, der seit fast zwei Jahren wegen Spionage in Moskau im Gefängnis sitzt und zu 14 Jahren Straflager verurteilt wurde. Nachdem man lange nichts hörte, sind inzwischen Dinge in Bewegung: Berg und zwei Litauer, die in Russland sitzen, sollen gegen ein oder zwei Russen ausgetauscht werden, die in Litauen sitzen – mit dieser Information kam zuerst eine litauische Nachrichtenagentur. Das entsprechende Gesetz wird in Litauen aber voraussichtlich erst im November verabschiedet. Voraussetzung für den Austausch ist eine Begnadigung. Der zuständige russische Ausschuss hat der Begnadigung Bergs bereits zugestimmt, das letzte Wort hat jedoch der Präsident. Lawrow, der bereits seit gestern abend in Kirkenes ist, sagte auf Fragen von Journalisten, die Rückkehr von Berg könne „jederzeit“ geschehen.

Mehr zum Spionagefall Frode Berg: 14 Jahre Haft für den Kurier aus Kirkenes

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