Tasiilaq: Das Dorf, in dem die Kinder endlich Gehör finden sollen

Grönland. Jedes dritte Kind hat Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen gemacht. Jeder fünfte Todesfall ist ein Selbstmord, viele davon junge Menschen. Zustände wie in Tasiilaq, Ostgrönland, wünscht sich niemand. Die grönländische Regierung will nun Dänemark um Unterstützung bitten, um den Kindern zu helfen. Darüber berichteten Sermitsiaq und KNR.

Dorf

Es gibt nach wie vor große soziale Probleme in Grönland. Foto Thomas Christiansen

Seit das dänische Fernsehen Anfang Mai die einstündige Dokumentation “ Byen hvor børn forsvinder“ ( „Das Dorf, in dem Kinder verschwinden“) über die sozialen Probleme in Tasiilaq (rund 2000 Einwohner) ausgestrahlt hatte, gibt es in Grönland kaum ein anderes Thema mehr. Dabei sind die Probleme seit langem bekannt. Und sie beschränken sich nicht auf Tasiilaq, auch wenn es dort besonders extrem zu sein scheint. Nach wie vor leidet die grönländische Gesellschaft darunter, dass die traditionelle Lebensweise nicht mehr funktioniert, aber nicht jeder in der „neuen Welt“ gleichermaßen angekommen und erfolgreich ist. High North News weist darauf hin, dass eine hohe Selbstmordrate  nicht nur in Grönland, sondern auch bei anderen arktischen Urvölkern auffällig ist. Die sozialen Probleme, oft verbunden mit Alkohol, sind groß und auch nicht mit einfachen Mitteln zu lösen.  Für Kinder ist dies ein denkbar schlechter Start in das Leben. Es gab und gibt Ansätze, die Situation in Tasiilaq zu verbessern, doch der Erfolg war bisher begrenzt.

Hilferuf mit Unterschriftenliste

Protagonistinnen der Dokumentation „Byen hvor børn forsvinder“ sind eine Mutter, deren Tochter selbst Opfer eines sexueller Übergriffs wurde und die nicht hinnehmen will, dass es keine Hilfe gibt. Außerdem eine betroffene junge Frau sowie eine Lehrerin aus Dänemark, die schon zuvor auf dem Dienstweg darauf aufmerksam gemacht hatte und frustriert ist, dass ihre Meldungen ohne Folgen bleiben. Die Mutter sammelt Unterschriften für einen Hilferuf und kommt dabei mit vielen Erwachsenen ins Gespräch, die selbst als Kind sexuell missbraucht wurden – Mädchen wie Jungen.

Das Sozialressort gehört zu den Bereichen, die die grönländische Selbstverwaltung bereits auf die Insel geholt hat. In dieser Frage nun Dänemark um Hilfe zu bitten, ist deshalb auch ein Eingeständnis, dass man auf dem Weg zur Unabhängigkeit noch nicht da ist, wo man gerne wäre. Die betroffene Kommune führt an, dass es einfach kein Personal gibt, das im abgelegenen Tasiilaq arbeiten möchte. Bisherige Bitten um Unterstützung bei der Regierung hätten nicht geholfen.

Dazu kommt, dass in Grönland nicht vergessen ist, dass in den 1950er Jahren 22 Kinder für einen aus heutiger Sicht fragwürdigen Versuch nach Dänemark gebracht wurden und in dänischen Familien aufwuchsen. Die Eltern waren schlecht aufgeklärt worden, die Kinder verloren die Verbindung zu ihren Familien, ihrer Kultur und Sprache. Dies gehört zu den schwarzen Kapiteln in der grönländisch-dänischen Geschichte.

Öffentlicher Druck zu groß

Der öffentliche Druck, der endlich effektive Maßnahmen in Tasiilaq forderte, wurde nun  zu groß für die Regierung. Nicht nur Oppositionspolitiker äußerten sich: Am Montag, bevor die Debatte im Parlament dazu starten sollte, veröffentlichte der Sekretär des Ministerpräsidenten persönlich ein Video mit Stellungnahme auf Facebook – er habe genug. Die Zivilgesellschaft müsse aktiv werden, wo die Politiker versagten.

Wie die Hilfe konkret aussehen soll, ist allerdings noch unklar. Einig ist man sich, dass die Opfer psychologische Betreuung brauchen und dass die Hilfe schnell kommen muss.. Doch effektive Maßnahmen müssen auch verhindern, dass die Täter weiter Schaden anrichten können – und die kommen oft aus dem familiären Umfeld. Dies wird bisher nur wenig und kontrovers diskutiert.

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