Aufarbeitung der Geschichte: Samische Schädel wieder begraben

Lycksele (Schweden). Nach 70 Jahren in Museumskartons wurden vergangenen Freitag die sterblichen Überreste von 25 Menschen aus Lycksele erneut in Lycksele  begraben. Es handelte sich um die erste große Wieder-Beisetzung samischer Schädel und Knochen in Schweden. Darüber berichtete SVT. Rassebiologen waren einst sehr interessiert an samischen Schädeln und Knochen – die von Lycksele waren nicht die einzigen.

Sápmi Flagge

Die Flagge von Sápmi.

Die Ausgrabung auf dem Gammplatsen in Lycksele in den 1950er Jahren diente eigentlich einem ganz anderen Zweck. Als man auf die Skelette stieß, teilweise noch mit erhaltenem samischen Kolt, meldeten Forscher des Historischen Museums in Stockholm Interesse daran an. Und sie erhielten sie auch, obwohl die Zeit der Rassebiologie eigentlich vorbei war. Danach fielen die Schädel und Skelette offenbar in Vergessenheit. Erst 2013 wurden sie wieder entdeckt und zurück nach Västerbotten geschickt, an das Museum in Umeå. Allerdings nicht vollständig, zwei Skelette und fünf Schädel fehlen noch und sind weiter nicht auffindbar. 

Das Wieder-Begräbnis geschah in würdigem Rahmen vor rund 500 Zuschauern und wurde vom Fernsehen übertragen. Die heutige Direktorin des Historischen Museums in Stockholm bat das samische Volk öffentlich um Entschuldigung. Auch die Bischöfin von Luleå beteiligte sich an der Zeremonie und äußerte anschließend gegenüber Sveriges Radio die Hoffnung, dass dies der Teil zur Versöhnung zwischen den Samen und der Kirche sein könnte.

Die Exhumierung der Skelette von Lycksele ist vergleichsweise jung. Unter den Zuschauern der Wieder-Bestattung befand sich sogar ein 83-Jähriger, der heute in Kalix wohnt und damals zufällig Augenzeuge wurde. Diese Bilder hätten ihn die ganze Zeit verfolgt, deshalb sei er gekommen, sagte er zu SVT.

Grabraub für die „Kraniometrie“

Doch die Geschichte des Knochenraubs aus samischen Gräbern beginnt mehr als 100 Jahre früher. Ende des 18. Jahrhunderts begannen erste europäische Forscher damit, Schädel zu vermessen und zu vergleichen, später Kraniometrie genannt. Der schwedische Anatom Anders Retzius (1796-1860) entwickelte ein System dafür. Er gilt als ein Wegbereiter der Rassebiologen. Samische Schädel waren von besonderem Interesse.

Er war aber nicht der erste und nicht der einzige, dessen Forschungsgegenstand aus samischen Gräbern stammte. In seinem Buch „Stulet Land. Svensk makt på samisk mark“ geht der Historiker Lennart Lundmark sehr ausführlich auf dieses Kapitel ein, und insbesondere auf die Mitwirkung von Pastor Lars Levi Laestadius. Dieser stand in Briefwechsel mit Retzius und dessen Kollege Sven Nilsson, und es ist dokumentiert, dass er mehrfach samische Schädel und Knochen auf den Friedhof in Markkina ausgrub.

Markkina

Erinnerungsstein für die Kirche von Markkina, die 1826 nach Palojoensuu umgezogen wurde. Foto Htm/ Wikimedia, CC BY 4.0

Lars Levi Laestadius war zuerst Pastor in Karesuando, später Propst in Pajala. Er war Gründer einer religiösen Erweckungsbewegung, die noch lange Spuren hinterließ, aber auch naturwissenschaftlich interessiert. Markkina liegt nahe Karesuando, aber auf der finnischen Seite des Flusses Muonio. Die Kirche dort war 1826 umgezogen, der Friedhof geblieben. Autor Mikael Niemi aus Pajala setzte Laestadius mit seinem Roman „Koka Björn“ („Bären kochen“) eine Art Denkmal. Niemis Laestadius ist grundsätzlich eine positive Figur, auch wenn der Autor die Grabräuber-Geschichte mit einbaut. Diese positive Darstellung kam nicht bei allen gut an, siehe eine Rezension aus NSD.

Markkina und Rounala

In einem weiteren verlassenen Friedhof, in Rounala, nordöstlich von Karesuando am Könkämafluss, wurde 1915 nach samischen Schädeln gegraben. Die Rassenbiologie hatte viele Vertreter in Schweden. Diese zwölf Schädel wurden 2009 vom Historischen Museum in Stockholm dem samischen Museum Ájtte in Jokkmokk übergeben, dürfen aber noch nicht wieder begraben werden. Der älteste soll 800 Jahre alt sein.

Weitere samische Schädel und  Kochen, aus Markkina und anderen Gräbern,  liegen noch in anderen Museen. Mehrere schwedische Medien wiesen deshalb angesichts des Wieder-Begräbnisses in Lycksele darauf hin, dass es noch einiges zu tun gäbe.

Schädelmessungen an Schulkindern

Die Rassenbiologen vermaßen keineswegs nur Totenschädel. Sie gingen auch in Schulklassen.  Der Film „Sameblod“ von Amanda Kernell machte dies vor kurzem zum Thema, es kommt auch in Linnea Axelssons preisgekröntem Gedicht-Epos „Aednan“ zur Sprache. Und Rassismus gegenüber Samen ist auch heute noch zu finden.

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