Golfstrom-Studien: Die Heizung des Nordens ist schwächer geworden

Nordatlantik. Warum ist Norwegens Küste auch im Winter eisfrei – selbst nördlich des Polarkreises? Warum hat Island ein für seine Lage so gemäßigtes Klima? Die Lösung ist das Golfstrom-System, das warmes Wasser bis weit in den Norden transportiert. Dieses System hat sich jedoch gegenüber früher um etwa 15 Prozent abgeschwächt, zeigen zwei Studien, die gerade in Nature veröffentlicht wurden.

Golfstrom

Das Umwälzsystem im Atlantik.
Quelle: Caesar/PIK

Leit-Autorin der einen Studie – „Observed fingerprint of a weakening Atlantic Ocean overturning circulation “ –  ist Levke Caesar vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), wo es auch eine Zusammenfassung auf Deutsch als Pressemitteilung gibt. Die Studie basiert auf Temperaturmessungen der Meeresoberflächen. „Wir haben ein spezielles Muster entdeckt – eine Abkühlung des Ozeans südlich von Grönland und eine ungewöhnliche Erwärmung vor der US-Küste“, erklärt die Wissenschaftlerin in der Pressemitteilung. Dieses Muster sei wie ein Fingerabdruck einer langsamer werdenden Meeresströmung. dadurch werde nicht mehr so viel Wärme in den Norden transportiert, was zur Abkühlung des Nordatlantik führe. Dies sei weltweit die einzige Meeresregion, die sich trotz der globalen Erwärmung abgekühlt habe. Verfügbare Daten der Meeresoberfläche gibt es seit Ende des 19. jahrhunderts.

So funktioniert das Golfstrom-System: Wenn das warme und damit leichtere Wasser von Süden nach Norden fließt, wird es kälter und damit dichter und schwerer – es sinkt in tiefere Meeresschichten und fließt zurück in den Süden. Diese Antriebskraft schwächelt: „Mit der globalen Erwärmung, verstärkten Regenfällen, Schmelzwasser aus dem arktischen Meereis und Grönlandeis wird das Wasser des Nordatlantiks verdünnt, sein Salzgehalt sinkt. Weniger salzhaltiges Wasser ist weniger dicht und damit weniger schwer – was es für das Wasser schwieriger macht, von der Oberfläche in die Tiefe zu sinken“, erklärt Alexander Robinson von der Universität Madrid, der die Studie mitverfasst hat. 

Karibik

Im Süden aufgeheiztes Wasser…

Nach den Messungen dieses Wissenschaftlerteams hat die Abschwächung bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts begonnen. Die Messungen bestätigen dabei frühere Computersimulationen. Das Team dieser Studie sieht einen Zusammenhang mit der menschengemachten Klimaerwärmung.

In der gleichen Ausgabe von Nature wird auch die Studie eines Teams um David Thornalley vom University College London vorgestellt: „Anomalously weak Labrador Sea convection and Atlantic overturning during the past 150 years„. Dieses Team hat das Golfstrom-System mit Hilfe von Ablagerungen auf dem Meeresboden über die vergangen 1600 Jahre rekonstruiert. Ihr Ergebnis: Das Systems sei vom Jahr 400 bis 1850 sehr stabil gewesen, aber begann zu Beginn der Industrialisierung zu schwächeln. Damals endete auch gerade die „kleine Eiszeit“. Auch dieses Team bilanziert, dass die Strömung heute etwa 15 Prozent langsamer fließt. Sie sehen die Ursache ebenfalls in der darin, dass Schmelzwasser das salzhaltige Wasser verdünnt.   Dieses Team vermutet die Ursache im Schmelzwasser nach Ende der kleinen Eiszeit. 

Hammerfest

…wärmt auch den Hafen von Hammerfest im Januar

Die beiden Studien kommen also zur selben Diagnose, was den Ist-Zustand betrifft, liegen im Beginn des Phänomens jedoch um 100 Jahre auseinander – und suchen damit auch nach unterschiedlichen Ursachen.  Nature-Autorin Summer K. Praetorius sieht die Gründe für die zeitliche Lücke in den sehr unterschiedlichen Ansätzen der Vergangenheitsrekonstruktion – „von oben“ und „von unten“. 

 Grönlands Gletscher sind weiter auf dem Rückzug. Dies dürfte auch  weiter zur Verdünnung des salzigen Wassers aus dem Süden beitragen. Wie sich das Golfstrom-System in Zukunft entwickelt und unter welchen Bedingungen der immer noch mächtige Golfstrom möglicherweise irgendwann komplett  stoppen könnte, wird Gegenstand weitere Forschungen sein.

Wer jetzt die dramatischen Bilder von Roland Emmerichs Katastrophenfilm „The  Day after tomorrow“ im Kopf hat: „So wird es bestimmt nicht werden“, sagt Levke Caesar bei SVT. In dem Film stoppte der Strom von einem Tag auf den anderen und die Nordhalbkugel bekam einen Eispanzer. „Es würde wahrscheinlich nicht einmal kälter werden als heute. Die globale Erwärmung dürfte übernehmen“, vermutet Johan Nilsson,  Professor an der Stockholmer Universität, im selben Beitrag.

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