Schwarzes Nordlicht über Piteå – Erlebnisbericht

Als meine Nordlichtapp mir mitteilte, es gäbe jetzt eine Chance, war noch nicht einmal die Sonne untergegangen. Um Mitte April noch Nordlichter zu sehen, muss man schon ziemlich Glück haben. Gegen 22 Uhr war es immer noch nicht richtig dunkel, und ich schrieb die Hoffnung schon ab – zumal die Intensität auch abnehmen sollte. Da würde hier in Piteå wohl nichts mehr ankommen. Ich bereitete aber alles vor, für den Fall, dass sich die Lage doch wieder ändern sollte, denn der Höhepunkt war erst nach Mitternacht angesagt. Rucksack mit Kamera und Stativ, Lichter für das Fahrrad. Einen geeigneten Ort hatte ich schon ausgekundschaftet, eine bewaldete Landspitze auf der anderen Seite der Bucht. Man muss ja weg kommen von den Lichtern der Stadt. Das Eis hielt leider nicht mehr.

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Norrsken April 2

Mitte April bleibt in Piteå nachts ein heller Streifen am Horizont.16./17. April.

Ich schrieb also erst einmal an meinem neuesten Artikel. Gegen 23. 30 Uhr, erinnerte ich mich wieder an den Nordlicht-Alarm. Ein Blick vor die Tür war zwar nicht erfolgreich, aber immerhin war es jetzt dunkel genug, und die Sterne waren zu sehen. Die App signalisierte immer noch starke Aktivität. Es war vermutlich die letzte Chance der Saison. Also zog ich mir warme Sachen an, denn es fror bereits wieder. Draußen sah ich einen dünnen Streifen am Himmel, der vielversprechend aussah. Auf dem Weg zum Wasser bemerkte ich dann hoch am Himmel immer mehr Lichter, als hätte jemand ein Feuerwerk gestartet. Ich traf ein paar Party-Jugendliche, die viel zu beschäftigt mit sich selbst und ihren Fahrzeugen waren, um das Geschehen über sich wahrzunehmen. Unten im Hafen versuchte ich erste Bilder, denn ich machte mir Sorgen, dass es auch ganz schnell wieder vorbei sein könnte – das hatte ich hier in Piteå nun schon oft erlebt. Aber die viele Beleuchtung störte einfach. Ich fuhr also weiter um die Bucht herum, über mir leuchtete es mal stärker, mal weniger stark.

Das letzte Stück zur Landspitze muss man zu Fuss über eine alte Loipe gehen, auf der auch noch Schnee lag. Das Fahrrad sperrte ich an eine Laterne. Nur ein paar Schritte weg vom beleuchteten Radweg erschlug mich die Aussicht: fantastische Muster am Himmel und richtig stark. Zum Glück war der Schnee nach dem warmen Tag schon wieder gefroren, sodass ich gut darauf gehen und auch das Stativ aufstellen konnte. Ohne Stativ hat man eigentlich keine Chance, aber das Stativ beschränkt auch den Winkel: Hoch über mir komme ich einfach nicht hin, jedenfalls nicht mit meinem Modell. Nachdem die wilde Show wieder etwas abflaute, wollte ich trotzdem noch zu meinem eigentlich auserwählten Platz gehen. Mich störte auch die Dreckfahne von der Kartonagenfabrik Smurfit Kappa, die der Wind zwar zum Glück nicht in meine Nase, aber in mein Bild trieb.

Show schon vorbei?

Svarta Norrsken

Was man auf dem Bild nicht sieht, ist der pulsierende Himmel. 16./17. April 2021

Der gefrorene Schnee knirschte sehr laut unter meinen Füßen, und es kam mir vor, als würde ich alle tierischen Bewohner des kleinen Waldstücks aufwecken. An der Landspitze ist im Sommer ein kleiner Bootshafen, aber jetzt waren all die Schwimmstege an Land gestapelt. Von der Mole aus hat man eine sehr gute Sicht über das Eis und es ist einigermaßen dunkel. Leider war die richtig große Show nun vorbei, aber es gab noch viel diffuses, schwächeres Licht am Himmel.

Lila Nordlicht

Violettes Nordlicht, 16./ 17. April 2021, Piteå

Um dieses schwächere Licht herum direkt über mir schien der Himmel plötzlich zu pulsieren. Es schienen Wellen über den Himmel zu laufen, die auch diese dünnen Lichtstreifen mitnahmen. Ich hätte mich am liebsten auf den Rücken gelegt, um nur noch den Himmel zu beobachten. Die schneelose, aber mit gefrorenem Kies und Matsch bedeckte Mole war aber doch nicht so einladend. Dieses Himmelsphänomen hatte ich noch nie gesehen. Ich hatte allerdings vor einiger Zeit darüber gelesen, dass es etwas gibt, das „schwarzes Nordlicht“ genannt wird, und das die meisten verpassen, weil sie eben nach der Lichtshow nicht mehr gucken.  Meine Beobachtung passte auf die Beschreibung. Ich hätte sonst nicht einmal gewusst, wie ich es nennen sollte. Es war natürlich völlig hoffnungslos, das im Bild einzufangen.

Die Fotos, die ich noch über das Eis machte, zeigen außerdem eine lila Farbe des Lichts, die ich mit bloßen Augen gar nicht sah – ich sah nur einen schwachen Schleier. Die Kamera war hier meinen Augen gegenüber deutlich im Vorteil. So stark habe ich dieses Farbspektrum noch nie im Bild gehabt. Ich interpretiere es laienhaft so, dass der Himmel über mir durch ein wirklich außergewöhnliches elektromagnetisches Ereignis bewegt war. Und ich war es auch.

(Andrea Seliger, 16./17. April, Piteå)