Der Meereis-Winter kommt – aber nicht überall gleich schnell

Arktis/Russland/Grönland. Die Viermastbark Sedow segelte durch die Nordostpassage, ohne Eis zu sehen. Kein Wunder: Auch vier Wochen nach dem jährlichen Minimum hat das Meereis auf der sibirischen Seite nur wenig zugelegt. Und die Gesamtausdehnung entspricht jetzt dem für Mitte Oktober gemessenen Negativ-Rekord, meldet NSIDC.

Meereis Ausdehnung Okt 2020

Meereis-Ausdehnung, 14. Oktober 2020. Quelle NSIDC

An Rekord-Meldungen mangelt es gerade nicht. Der September 2020 war im globalen Durchschnitt der wärmste überhaupt seit Beginn der Messungen, so der europäische Klima-Service Copernicus.eu. Zu den Gebieten, die dabei herausstachen, gehört weiterhin Nordsibirien und die angrenzenden Meere, die Laptewsee und die Ostsibirische See. Laut NSIDC ging das Meereis der Laptewsee sogar nach dem 15. September noch zurück, während es an der amerikanischen Seite schon wieder wuchs. Praktisch war dies für die Jubiläumsfahrt der Sedow, die auf diesem kurzen Weg von Wladiwostok nach Europa zurückkehren konnte – in früheren Jahren wäre dies nicht möglich gewesen. Auch in den üblicherweise schwierigen Passagen wie der Wilkitzky-Straße (südlich Sewernaja Semlja) und in der Long-Straße (südlich der Wrangelinsel) sei man nicht auf Eis gestoßen, so der Kapitän in einem Interview. Die große Lücke auf der eurasischen Seite dürfte dazu geführt haben, dass die Eisfläche insgesamt nun genauso gering oder noch geringer ist als 2012, dem bisherigen Negativ-Rekordjahr. Auch nördlich von Spitzbergen und Franz-Josef-Land ist noch viel offenes Wasser – eine schlechte Nachricht für die Eisbären dieser Inselgruppen. Der warme September setzte sich im Oktober fort. Erst jetzt wird es in Nordskandinavien und Nordfinnland kälter und es ist auch in den tieferen Lagen der erste Schnee angesagt.

Kalter September für Grönland

Zu den wenigen Gebieten, die es im September kälter hatten als der langjährige Durchschnittswert, gehörte Grönland, was für die Massebilanz des Inlandeises positiv ist. Etwas weniger Treibeis hätte gerade gerne das Versorgungsschiff der Royal Arctic Line, das deshalb Ittoqqortoormiit an der Ostküste nicht anlaufen konnte, wie Sermitsiaq meldet. Die Bürger finden die Lage nach dem Bericht offenbar weniger dramatisch und sind verärgert. Die Eissituation kann sich mit der Wetterlage aber noch ändern, und es besteht noch die Chance, dass Ittoqqortoormiit seine Wintervorräte erhält – bevor sich das Eis endgültig legt.

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