Schweden: Ministerin will weniger Rücksicht auf Rentierhaltung

Schweden.  Bergbau und Energiewirtschaft sollten weniger Rücksicht nehmen müssen auf die Rentierhaltung. Die Zahl der Rentiere und damit deren Platzbedarf sollte sinken. Das fordert die schwedische Ministerin für Wirtschaft und Energie, Ebba Busch von den Christdemokraten. Dagegen protestierten Rentierhalterorganisationen und verwiesen auf bestehende Gesetze. Darüber berichtete unter anderem SVT.

Rentier läuft am STraßenrand

Rentier, Norrbotten

Auslöser der Diskussion war ein Debattenbeitrag von Ebba Busch und dem Parteikollegen Peter Kullgren, Minister für ländliche Räume, in Svenska Dagbladet, „Die Rentierwirtschaft blockiert Norrland“. Die Inhalte wiederholte Busch auch auf einer Pressekonferenz in Luleå. Konkret forderte sie unter anderem, die Rentierwirtschaft sollte ihren privilegierten Status als „riksinteresse“ verlieren und der Staat solle „wieder die Verantwortung übernehmen“ für die Flächennutzung im Fjäll.

Mehrere nationale Interessen

Als „riksinteresse“ gelten in Schweden mehrere nationale Interessen, von denen die Rentierhaltung eins ist. Bergbau und Energieerzeugung sind allerdings ebenfalls nationale Interessen, die im Konfliktfall abgewogen werden müssen. Die ökonomische Bedeutung der Rentierhaltung ist vergleichsweise gering. Der  Status des Wirtschaftszweigs ist aber darin begründet, dass es sich um die Kulturausübung einer rechtlich geschützen Minderheit und eines Urvolks der Region, der Samen, handelt. Dazu hat sich Schweden in internationalen Verträgen verpflichtet – und darauf verweisen nun auch die samischen Rentierhalterkooperativen und ihre Dachorganisation SSR. 

Konfliktreiches Kiruna

Busch ist keineswegs die erste, die den Status der Rentierwirtschaft anschaffen möchte. Ihr Parteikollege Krister Pounu warb damit bei der Kommunalwahl in Kiruna und erreichte damit für die Christdemokraten in Kiruna sensationelle 11,5 Prozent. SVT bezeichnete ihn nun als den „Architekten“ hinter Buschs Äußerungen.

Große rote Holzkirche, dahinter Berg, im Vordergrund Menschen

Für den Bergbau wich 2025 auch Kirunas Kirche

Tatsächlich prallen in Kiruna die Interessen aufeinander wie an wenigen anderen Orten: Auf der einen Seite immer mehr Platzbedarf für den Bergbau, der auch ein großer Arbeitgeber ist: der Stadtumzug für den Erzabbau von LKAB plus das Per-Geijer-Vorkommen , neu die Kupfergrube Viscaria und der geplante Graphitabbau von Talga. Auf der anderen Seite die Rentierhalter, für die diese Flächen wichtig sind und immer weiter schrumpfen. Als Drittes außerdem die Tourismusbranche und die Freizeitinteressen Ortsansässiger, die sich von der Rücksicht auf die Rentierwirtschaft beschränkt sehen. Dazu hat auch das Girjas-Urteil beigetragen: Girjas Sameby (südlich der Stadt Kiruna) erhielt dabei unter anderem das Recht, selbst Angelkarten und das Recht auf Kleintierjagd zu vergeben, was nicht allen gefällt.

Status als „riksinteresse“ half meist wenig

Im Nutzungskonflikt um den Boden ziehen die Rentierhalter allerdings meist auch jetzt schon den Kürzeren, trotz ihres Status als „riksinteresse“: So haben Viscaria, Talga und Kaunis Iron bei Pajala ihre Genehmigungen bekommen. Die Windparks in Markbygden bei Piteå wurden gebaut. Dass es auch Vorhaben gibt, die nicht umgesetzt werden, liegt meist an anderen Gründen, zum Beispiel fehlender finanzieller Mittel (Talga) oder – wie im Fall weiterer Windkraftanlagen für Markbygden – einem Einspruch des Militärs. 

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