Russland: Atomgetriebene Rakete in der Barentssee?

Russland/Norwegen. Hat das russische Militär bei einem Test eine atomgetriebene Rakete in der Barentssee verloren? Das behauptet der amerikanische Fernsehsender CNBC. Norwegische und russische Medien nahmen das Thema gestern auf.

Grenze Norwegen Russland

Die Grenze zwischen Norwegen und Russland verläuft mitten durch die Barentssee. Karte Wikimedia Commons

Heiße Nachricht oder Fake News? Der US-Sender CNBC beruft sich auf Quellen im amerikanischen Geheimdienst. Danach soll Russland gerade eine Suche nach der Rakete vorbereiten. Der Absturz soll im vergangenen November stattgefunden haben. Bei der Rakete soll es sich um die neue Superwaffe gehandelt haben, die Russlands Präsident Wladimir Putin Anfang März angekündigt hatte – einen atomgetriebenen Marschflugkörper mit unbegrenzter Reichweite. Dafür bereite man eine Suche mit drei Schiffen vor, von denen eins für die Behandlung radioaktiven Materials ausgestattet sei, so CNBC. Laut den Quellen soll es zwischen November und März vier Tests gegeben haben, die alle zu Abstürzen geführt hätten.

Putins Pressesprecher Dmitrij Peskow lehnte einen Kommentar dazu ab: Im Gegensatz zu dem amerikanischen Fernsehsender habe er keine solchen Informationen, zitieren ihn die russischen Nachrichtenagenturen Interfax und Tass. Er verweise auf die Spezialisten im Verteidigungsministerium.

Die Meldung von CNBC wurde von diversen norwegischen Medien aufgenommen. Sie sorgte für Beunruhigung unter den nordnorwegischen Fischern, wie NRK berichtete – ein Atom-Leck in der Barentssee sei keine gute Werbung für ihr Produkt. Doch es herrschte auch Skepsis angesichts fehlender Beweise.

Aftenposten hat beim norwegischen Geheimdienst nachgefragt. Dieser bestätigte zwei Abschüsse im November 2017 vom Testgebiet auf der Insel Nowaja Semlja. Eine Rakete sei noch auf der Insel gelandet, eine nahe der Westküste ins Wasser gefallen, so der Pressesprecher der norwegischen Streitkräfte. Nicht bekannt ist aber, ob die getesteten Raketen mit atomarem Antrieb ausgerüstet waren.

Barentssee

Unterwegs in der Barentssee.

Die russische Prawda hat einen ehemaligen Raketeningenieur zum Thema interviewt. Dieser meinte unter anderem, Atomantrieb und Rakete würden üblicherweise zunächst getrennt getestet.

Der norwegische Barents Observer beschäftigte sich mit der möglichen Absturzstelle auf Basis des im März veröffentlichten Videos eines Testes und russischer Quellen. Bereits im März hatte das Online-Medium über eine Verbindung zwischen den rätselhaften Spuren des radioaktiven Isotops Iod 131 in mehreren Fällen und möglichen Tests für die neue Waffe spekuliert.  Die Werte sollen allerdings sehr gering und kaum messbar gewesen sein, eine Ursache wurde nie gefunden.

Norwegens Strahlenschutzbehörde ( Statens Strålevern) verwies auf die regelmäßige Überwachung der Barentssee in Sachen Radioaktivität in Zusammenarbeit mit dem Meeresforschungsinstitut, das jedes Jahr den Fischbestand prüft. Gerade gestern sind die Wissenschaftler zu einer neuen Expedition  gestartet. Die Gefahr für Norwegen durch eine solche Rakete hält die Behörde für gering: Zum einen handele es sich nur um einen kleinen Reaktor, zu erwarten sei nur lokale Verschmutzung, austretende Stoffe würden schnell verdünnt. Die vorherrschenden Meeresströmungen trieben sie auch fort von Norwegens Küste.

Nuklearphysiker Nils Bøhmer von der norwegische Umweltorganisation Bellona, die sich unter anderem für die  Beseitigung nuklearer Abfälle auf der Kolahalbinsel engagiert, zeigte sich besorgt über mögliche Lecks und weitere Tests und wünschte sich mehr Informationen. Der Leiter des Bellona-Büros in Murmansk, Andrei Zolotkov, äußerte sich aber skeptisch gegenüber den Erkenntnissen von CNBC, da die typischen Spuren radioaktiver Abbauprodukte, wie sie bei einem solchen Vorfall hätten entstehen müssen (neben Iod  auch  Cäsium oder Strontium) nicht gemessen wurden.

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