Rezension: „Die Frau des Obersts“ von Rosa Liksom

Finnland. Eine Sympathieträgerin ist die Frau des Obersts zumindest am Anfang eher nicht. Eine Person, die sich für Nazis begeistert und für einen 28 Jahre älteren Mann, dessen Hang zur Gewalt bekannt ist? Trotzdem wird man in die Geschichte hineingesogen. Weil die finnische Autorin Rosa Liksom sie so unsentimental und eigenwillig zu präsentieren weiß, dass man sie trotzdem hören will. Ab Montag ist „Die Frau des Obersts“ auch auf Deutsch erhältlich. Im März kommt die Schriftstellerin nach Deutschland und wird das Buch selbst in Berlin und auf der Buchmesse in Leipzig vorstellen.

Rosa Liksom

Cover: Randomhouse

Die Geschichte beginnt als Rückblick einer alten Frau auf ihr Leben, und ein Großteil davon umfasst eine Zeit, die man weder in Finnland noch in Deutschland wieder haben möchte. Wir erleben alles durch ihre Augen, aus der Ich-Perspektive. Sie und der Oberst bleiben namenlos, aber wir kommen dem Paar näher, als wir es vermutlich im echten Leben freiwillig getan hätten. Aufgebrochen wird die Geschichte immer wieder durch umwerfende Naturschilderungen aus Finnisch Lappland, wo der Großteil der Geschichte spielt. Rosa Liksom ist das Pseudonym von Anni Ylävaara, geboren 1958 in Ylitornio. Das Original, „Everstinna“, ist sogar in Meänkieli verfasst, dem vom Schwedischen beeinflussten Finnisch in der Region um den Torne-Fluss.

Die deutsch-finnische Lappland-Geschichte

Die Hauptfigur der Geschichte wird schon von klein auf ideologisch indoktriniert. Die Weißen (ehemalige finnische Bürgerkriegspartei) und die Nazis scheinen auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, und die Russen hasst man. Hinten im Buch ist ein hilfreiches Glossar zu Ereignissen, Organisationen und Figuren.

Rosa Liksom

Rosa Liksom. Quelle Randomhouse

Noch hilfreicher ist es, sich vorher ein Kapitel über finnische Geschichte, speziell in Lappland, durchzulesen, vom Bürgerkrieg nach der Unabhängigkeit bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Denn sie laufen der Geliebten des finnischen Nazi-Obersts (geheiratet wird erst später) alle über den Weg: Dietl, Speer, Mannerheim (ohne explizit genannt zu werden) und sogar der Führer persönlich. Finnland hoffte damals, mit Hilfe der Deutschen an die Sowjetunion verlorene Gebiete wieder zu gewinnen. Dabei bleibt der Blick der jungen Frau präzise und unbeeindruckt. Über General Falkenhorst schreibt sie: „Der Führer hatte ihn als Kenner des nordischen Lebens zum Oberbefehlshaber über alles ernannt, was in unseren Breiten getan wurde. (…)Dieser Experte arktischer Verhältnisse konnte nicht Ski laufen, nicht in die Sauna gehen und hasste Rentiere und die nachtlose Nacht.“ Wie das Ganze endete, ist bekannt. Auch die Ehe mit dem Oberst geht den Bach hinunter. Erst, nachdem er sie halb tot geschlagen hat und sie in der Psychiatrie landet, gelingt es der Hauptfigur, sich langsam von ihm zu befreien und ihren ganz eigenen Weg zu gehen -auch ideologisch.

Fiktive Figur, aber reales Vorbild

Die Figur ist zwar fiktiv, hat aber ein reales Vorbild: Annikki Kariniemi, wie die Romanfigur Lehrerin und Schriftstellerin, ebenfalls aus Finnisch Lappland und verheiratet mit einem Oberst. Eine Statue, die sie darstellt, steht auf dem Berg Aavasaksa bei Ylitornio, wo sie zuletzt lebte und starb – und Anni Ylävaara alias Rosa Liksom geboren ist. Ylävaara/Liksom gibt der „Frau des Obersts“ eine sehr eigene Stimme, die einen dazu bringt, ihr zu folgen, auch wenn man manchmal ganz schön schlucken muss.

Übersetzer Stefan Moster und die Autorin sind im März auf Lesereise. Folgende Termine stehen an:

  • Do. 12. März | Berlin, 19 Uhr, Felleshus – Gemeinschaftshaus der Nordischen Botschaften, Rauchstr. 1
  • Fr. 13. März | Leipzig, 14.30 Uhr, Buchmesse, Nordisches Forum, Messegelände, Halle 4
  • Fr. 13. März | Leipzig, 19 Uhr, Werk II, Kochstr. 132, Lesung im Rahmen der „Nordischen Literaturnacht“
  • Sa. 14. März | Leipzig, 12.30 Uhr, Buchmesse, Nordisches Forum, Messegelände, Halle 4
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