Grönland im Visier Donald Trumps – ohne Chance?

Grönland. Was, wenn die USA tatsächlich Grönland militärisch besetzten? „Niemand wird sich den USA wegen Grönland militärisch entgegenstellen“, sagt Stephen Miller, Vize-Stabschef in US-Präsident Donald Trumps Regierung, zu CNN. Zwei dänische Analysten gehen davon aus, dass er damit recht hat – allen Statements zum Trotz.  Über Szenarien und Strategien angesichts einer potenziellen Grönland-Übernahme. Mit Update 19 Uhr

Grafik mit drei Flaggen: USA, Dänemark, Grönland

Polit-Krimi: USA, Dänemark und Grönland. Grafiken Flying Cloud Design/ Vectorportal

Aaja Chemnitz, grönländische Abgeordnete im dänischen Folketing, ist beunruhigt: Grönland müsse sich auf das Schlimmste vorbereiten, sagte sie schon kurz nach dem US-Angriff auf Venezuela zu KNR. Es müsse ein Plan an die Bevölkerung kommuniziert werden, für den Fall, dass eine Situation eintrete, in der die Kommunikationskanäle nicht mehr funktionierten. 

Grönlands Regierungschef Jens-Frederik Nielsen hofft, dass es gar nicht erst soweit kommt. Wie er am Montagabend in einer Pressekonferenz deutlich machte, will er die frühere Zusammenarbeit wieder herstellen und mit den USA intensiver kooperieren. Daran arbeite man „über die richtigen Kanäle“ – und das sei nicht die Presse. Unter anderem gibt es bereits zwei grönländisch-US-amerikanische Gremien, das Joint Committee und das Permanent Committee. Mit den anderen Parteispitzen war er sich außerdem darin einig, dass nun auch die NATO mehr eingebunden werden sollte.

Außenminister-Treffen USA-Dänemark-Grönland?

Auf die „Kommunikations“-Strategie setzt auch Dänemark zunächst. Dort fand gestern eine Sondersitzung des Außenpolitischen Ausschusses in einem abhörsicheren Raum statt. Anschließend berichtete Dänemarks Außenminister Lars Løkke Rasmussen, man habe um ein Gespräch mit US-Außenminister Marco Rubio gebeten. Daran soll auch die grönländische Kollegin Vivian Motzfeldt teilnehmen. Update 19 Uhr: US-Außenminister Marco Rubio bestätigte, dass das Treffen kommende Woche stattfinden wird.

US-Vision: Übernahme ohne Militäreinsatz

Stephen Miller und auch der neue US-Sonderbeauftragte für Grönland, Jeff Landry, gehen in Interviews auch nicht davon aus, dass es überhaupt zu einem Militäreinsatz kommt: Sie vertrauen darauf, dass die USA den Grönländern genug zu bieten habe. Dabei weichen die Vorstellungen etwas voneinander ab: Während Miller ganz klar betont, dass Grönland US-Territorium sein sollte, ist Landry offener für andere Konstellationen mit einem unabhängigen Grönland, inklusive wirtschaftlicher Zusammenarbeit.

Trump-Vertrauter investiert schon in Grönland

Daran wird möglicherweise schon gearbeitet, auf andere Weise: Wie Politiken im Herbst aufdeckte, handelt es sich bei einem neuen Investor in grönländische Firmen um den US-amerikanische Multimillionenerbe und Trump-Vertrauten Ronald Lauder. Dabei geht es zum einen um eine vergleichsweise kleine Flaschenwasser-Produktion, aber auch um ein Staudamm-Projekt. Arctic Today hat die Geschichte aufgegriffen. Der grönländischen Regierung sollte das bekannt sein, denn einer von Lauders grönländischen Geschäftspartnern ist der Ehemann der Außenministerin Vivian Motzfeldt.

NATO-Strategie zur Verteidigung Grönlands – vor Russland

Es gibt NATO-Pläne zur Verteidigung Grönlands. Im vergangenen Sommer fand ein umfangreiches Manöver unter dänischer Leitung dazu statt, mit Teilnehmern und Beobachtern aus mehreren NATO-Staaten. Die Aufmerksamkeit des Militärs galt bisher jedoch immer Russland, mit den USA habe man eine gute Zusammenarbeit, wie der Chef des Arktischen Kommandos, Søren Andersen, damals gegenüber PBS betonte. Die USA haben bekanntlich auch eine Basis in Nordgrönland, von der aus sie gen Russland spähen – und damit ohnehin auf der Insel präsent sind. 

Die Rolle der NATO im Konflikt

Das gemeinsame Statement mehrerer EU-Staaten beschwört ebenfalls die NATO als Garant für die Sicherheit in der Arktis. Trump wiederum hoffte im Gespräch mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte, das Bündnis für seine Grönland-Annexion nutzen zu können. Rutte wollte die NATO nicht mit Trumps Grönland-Plänen verbunden sehen, protestierte allerdings auch nicht direkt gegen den Plan. 

„Niemand wird auch nur einen Finger rühren“

Stephen Miller geht schon deswegen nicht davon aus, dass es zu einem Kampfeinsatz kommen wird, weil sich den USA in Grönland ohnehin niemand entgegenstellen werde. Dabei behauptet Miller zwar, es gebe nur 30 000 Menschen in Grönland, in der Realität sind es fast doppelt so viele. Dennoch schätzen auch Peter Viggo Jakobsen, Dozent an der dänischen Verteidigungsakademie, und Doktorand Jakob Linnet Schmidt vom Dänischen Institut für Internationale Studien (DIIS) das gegenüber DR ebenso ein. Niemand werde auch nur einen Finger rühren, Dänemark dabei militärisch beizustehen, so Jakobsen. Und beide sind sich einig darin, dass ein Widerstand auch völlig sinnlos wäre, „reiner Selbstmord“, so Schmidt. 

Frederiksen: Annexion Grönlands wäre Ende der NATO

Die dänische Premierministerin Mette Frederiksen sieht für diesen Fall das Ende der NATO gekommen:Wenn die USA sich entscheiden, ein anderes NATO-Land militärisch anzugreifen, ist alles vorbei. Inklusive unsere NATO und damit die Sicherheit, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewährleistet wurde.“

Hat Trump die Arktis-Geografie missverstanden?

Analyst Pavel Devyatkin vom Quincy-Institut geht in seinem Artikel für Responsible Statecraft davon aus, dass Trumps Grönland-Theorien teilweise auch auf einem Missverständis der Arktis-Geografie beruhen: Die vielen russischen und chinesischen Schiffe, von denen Trump immer wieder rede, seien gar nicht vor Grönland, sondern vor Alaska – einem ganz anderen Teil der Arktis, der bereits den USA gehört.

 

Früherer Artikel zum Thema:

Erst Venezuela, dann Grönland?

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3 Antworten zu Grönland im Visier Donald Trumps – ohne Chance?

  1. Amanda Libris sagt:

    Hey, danke für diese Zusammenfassung und Einschätzung. Ich habe es auf Mastodon geteilt.

  2. claudia sagt:

    es sieht also nach einer „kalten“, nichtmiliärischen Übernahme aus, oder?
    Nach dem Prinzipe: „Ich drohe, du kriechst mir ein Stück entgegen, dann stelle ich meinen Fuss auf deinen Rücken“.

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