Grönland. Der Polardorsch, Boreogadus saida, ist für seinen Lebenszyklus von Eis und kaltem Wasser abhängig. Ein Forscherteam des grönländischen Naturinstituts (Pinngortitaleriffik) hat dessen Entwicklung vor West- und Ostgrönland in den vergangenen 30 Jahren verfolgt: Der Bestand schrumpft, und er zieht nach Norden. Diese Veränderung sei schneller geschehen als erwartet. Die Studie „Decline and northward shift in Arctic cod distribution associated with the changing climate around Greenland“ ist in Arctic Science erschienen.

Lebenszyklus des Polardorschs. Grafik aus einer anderen Studie: The circumpolar impacts of climate change and anthropogenic stressors on Arctic cod ( Boreogadus saida ) and its ecosystem. Maxime Geoffrey et. al., 2023, CC0
Der Polardorsch ist eine Schlüsselart des Arktischen Meeres: Er frisst Zooplankton und wird seinerseits unter anderem von Robben, Belugas und Narwalen gefressen. Damit ist er ein wichtiges Glied in der arktischen Nahrungskette. Er ist eng verwandt mit dem größeren Atlantischen Kabeljau, doch seine Entwicklung ist in mehreren Stadien an das Meereis gebunden. So entwickeln sich die Eier geschützt unter der Eisdecke, und auch die Jungfische leben meist direkt darunter und finden dort auch ihre Nahrung. Erwachsene Polardorsche können in Wassertemperaturen von 3°C bis 10°C leben. Für die Fischeier sind aber nach bisherigem Stand 2°C die Temperatur-Obergrenze, für die Larven 5°C.
Daten von 13 158 Fangorten über 30 Jahre
Für die Untersuchung hat das Team um Hauptautor Teunis Jansen zum einen die Daten bisheriger wissenschaftlicher Schleppnetzfänge rund um Grönland von 1993 bis 2023 ausgewertet und vergleichbar gemacht. Dabei handelt es sich um elf verschiedene Programme, die teilweise über mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte durchgeführt wurden, insgesamt 13 158 Fangorte, verteilt in Raum und Zeit. Dazu kamen acht Interviews mit Fischern aus Ostgrönland (Ammassalik), durchgeführt von grönländischen Mitgliedern des Teams in der Muttersprache der Fischer. In der Vergangenheit war der Polardorsch dort zahlreich vorhanden und wurde gefischt – heute nicht mehr. „Alle befragten Fischer gaben an, dass der Polardorsch aus dem Gebiet fast verschwunden sei und sie ihn nicht mehr fischen würden, da sich der Aufwand nicht lohne“, heißt es im Text.
Rückgang schneller und stärker als erwartet
Untersucht wurden verschiedene Korrelationen – Temperaturdaten, Eisbedeckung, Fang und Vorkommen des Atlantischen Kabeljaus als Räuber und Konkurrent. Doch in Grönland sei der Polardorsch schon aus den Gebieten verschwunden gewesen, bevor der Atlantische Kabeljau kam. Steigende Wassertemperaturen und schrumpfende, kürzere Eisbedeckung, also typische Phänomene des Klimawandels, erwiesen sich als die Hauptfaktoren. Dazu kommt: „Der starke Rückgang der Bestände ist viel schneller eingetreten und scheint stärker zu sein als vorhergesagt“, heißt es in der Untersuchung.
Die Veränderung rund um den Polardorsch ist Teil eines umfangreicheren Wandels der Ökosysteme um Grönland:
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